Der Schwalbenschwanz
(Papilio machaon L. 1758)

(Rote Liste Bayerns: Gefährdungsgrad 4R)


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Von den weltweit etwa 200 vorkommenden Papilio-Arten ist nur der Schwalbenschwanz bei uns heimisch. Wie der Segelfalter so gehört auch er zur Unterfamilie der Papilioninae, die mit den zwei anderen Unterfamilien Parnassiinae (Apollo- und Osterluzeifalter) und Baroniinae (nur eine Art, in Mexico) die große Familie der Papilionidae bildet. Der Schwalbenschwanz ist an das relativ rauhe zentraleuropäische Klima bestens adaptiert. Anders als der Segelfalter kann er daher auf eine ökologische Kompensation, d. h. auf das Besetzen mikroklimatisch besonders günstiger Nischen, verzichten. Als sog. r-Stratege weist die Art hohe Vermehrungsraten auf (ein Weibchen legt ca. 150 Eier), bildet mehrere Generationen pro Jahr aus (beim Schwalbenschwanz 2-3) und zeigt eine schnelle Raupenentwicklung. Die Falter selbst vagabundieren, haben Pioniercharakter und besiedeln vornehmlich Störstellen. Obwohl der Falter meist nicht sehr häufig beobachtet wird, so verhelfen diese Arteigenschaften dem Schwalbenschwanz doch zu relativ guten Überlebenschancen, auch in vom Menschen stark beeinflussten Kulturlandschaften.

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Paarung von Papilio machaon
Zwei bis drei Generationen pro Jahr ermöglichen es dem Schwalbenschwanz die winterlichen Verluste wieder auszugleichen. Gegenüber der ersten Generation, die bereits ab April bis in den Juni hinein fliegt, weist die zweite, von Juli bis August zu beobachtende Generation etwa doppelt so viele Falter auf. Um insbesondere während der individuenärmeren ersten Generation eine sichere Geschlechterfindung zu gewährleisten, zeigt der Schwalbenschwanz das sog. "hilltopping"-Verhalten: Männliche Falter sammeln sich an Geländeerhebungen wie Hügelkuppen, Geröllhalden oder auch Ruinen. Dort setzen sich die stärksten Falter gegenüber ihren Geschlechtsgennossen durch und besetzen die attraktivsten Reviere, die meist an der höchsten Stelle des "hilltopping"-Platzes gelegen sind. Frisch geschlüpfte Weibchen suchen ebenfalls diese Örtlichkeiten auf und finden so auch in Gegenden mit niedriger Populationsdichte sicher und schnell einen Geschlechtspartner. Da auch die Weibchen an die höchsten Stellen streben, ist ferner gewährleistet, dass sie zumeist vom dominanten und kräftigsten Männchen begattet werden. Im Nahbereich dienen Sexuallockstoffe, die sog. Pheromone, der olfaktorischen Geschlechterfindung. Interessanterweise sind diese beim Schwalbenschwanz sogar für uns Menschen wahrnehmbar: Paarungsbereite Männchen verströmen einen angenehmen blumig-süßen Duft. Die Paarung selbst dauert ca. 1 1/2 Stunden und findet meist in den frühen Nachmittagsstunden statt.
Während männliche Falter weiterhin am hilltopping-Platz verweilen, vagabundieren die Weibchen nach der Begattung auf der Suche nach geeigneten Eiablagepflanzen weit umher. Zahlreiche Umbelliferen (Doldenblütler) kommen als Raupenfutterpflanzen in Frage. Die bedeutsamsten sind jedoch Silaum silaus, Pimpinella saxifraga, Carum carvi, Pastinaca sativa und Peucedanum spec.. Wilde Möhre scheint entgegen häufiger Literaturangaben eine geringere Rolle zu spielen. Auch in Gärten finden sich regelmäßig Eier und Raupen. Hier erweisen sich vor allem Dill, Möhre und Fenchel als attraktive Ablagepflanzen. Trotz ihrer guten Anpassungsfähigkeit an verschiedene Biotopstrukturen bevorzugen die Falter bei der Eiablage Stellen mit begünstigtem Mikroklima. Pflanzen auf spärlich oder unbewachsenem, vielleicht sogar steinigem Boden stehen wärmer und ermöglichen ein schnelleres Raupenwachstum. Daher werden gerade Sämlinge und Jungpflanzen an teilweise nur kleinen Störstellen wie Maulwurfshaufen, Wegen, ausgeräumten Gräben o.ä. von den Weibchen bevorzugt. Ähnlich günstige Störstellen bieten auch die von Unkraut befreiten, frisch geharkten Beete in Gemüse- und Kräutergärten.
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Schwalbenschwanzweibchen bei der Eiablage
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frisch abgelegtes (noch gelbliches) Schwalbenschwanzei
Während die erste Weibchengeneration aufgrund der Pflanzenentwicklung und der noch kühleren Witterung ihre Eier an Grundblätter von Jungpflanzen heftet, werden durch die zweite Generation gerne knospige Blütendolden der Futterpflanzen belegt. Die anfangs gelblich-weißen Eier dunkeln im Laufe ihrer Reifung. Etwa ein bis zwei Tage nach der Ablage bildet sich bei befruchteten Eiern ein bräunlicher Äquatorialring, der sich allmählich verbreitert und über das gesamte Ei ausdehnt. Ungefähr einen Tag vor dem Schlüpfen des Räupchens färbt dessen durchscheinende Haut das Ei schließlich schwarz.
Die schwarze Jungraupe besitzt einen grau-weißen Sattelfleck, der der Raupe ein an Vogelkot erinnerndes Erscheinungsbild gibt. Das ohnehin schwer zu entdeckende Räupchen wird wegen dieser als Vogelkotmimese bezeichneten Täuschungsstrategie für potentielle Fressfeinde relativ unattraktiv. Darüberhinaus besitzen Papilio-Raupen noch über eine Abschreckungswaffe: Bei Gefahr, ausgelöst durch taktile Reize, stülpen sie eine hinter dem Kopf gelegene auffällig orange-gelbe Nackengabel, das Osmaterium, kurzzeitig aus. Diese verströmt bei jungen und halberwachsenen Raupen noch einen würzig aromatischen Geruch. Bei ausgewachsenen Raupen verbreitet sie jedoch einen süßlich-faden penetranten Gestank, der beim Durchstreifen von mit Raupen besetzen Wiesen oft noch vor der Raupe, an die man versehentlich angestoßen ist, bemerkt wird. Inwieweit das Osmaterium wirklich zur Abschreckung von Feinden dient, konnte bisher noch nicht ausreichend geklärt werden. Eine mögliche Erklärung wäre, dass mit diesem für Säugernasen sehr unangenehmen Geruch nicht die Prädatoren der Raupen, sondern Schafe und andere Pflanzenfresser von den Futterpflanzen der Raupen ferngehalten werden sollen. In diesem Zusammenhang muss z.B. die Situation des Streifenbläulings erwähnt werden, dessen Raupen über keine solche Abschreckungsmittel verfügen und bei einer zu frühen Beweidung von den Schafen mitsamt ihrer schmackhaften Futterpflanze einfach mitvertilgt werden. Dieser Umstand hat mancherorts bereits zum Verschwinden des Streifenbläulings geführt.
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Jungraupe von Papilio machaon mit typischer Vogelkotmimese
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erwachsene Raupe des Schwalbenschwanzes an Pastinak
Besonders in der ersten Augustwoche kann man erwachsene Schwalbenschwanzraupen an geeigneter Stelle finden. Zu dieser Zeit bieten die am Straßenrand wachsenden stattlichen Pastinakpflanzen eine üppige Futterquelle, die regelmäßig mit einer oft beachtlichen Anzahl von Raupen besetzt ist. Eine für mich nicht nachvollziehbare "Pflegemaßnahme" gefährdet jedoch alljährlich diese Schwalbenschwanzbestände: Im Spätsommer oder Herbst werden regelmäßig und systematisch Straßenränder, Böschungen und Gräben ausgemäht und damit neben den Futterpflanzen mit Raupen auch die bereits in der näheren Umgebung verpuppten Tiere vernichtet. Man könnte diese Problematik durch eine angepasste Mahd umgehen. Zum einen könnte der Pflegetermin generell auf den Mai des folgenden Jahres verlegt werden, auf eine Zeit also, zu der die in der Krautschicht verborgenen Puppen bereits die Falter entlassen haben. Zum anderen könnten bei einer im Sommer oder Herbst stattfindenden Mahd Pastinakbestände, die auch für Laien und bereits auf Distanz leicht zu erkennen sind, ausgespart bleiben.
Bei der Puppe des Schwalbenschwanzes handelt es sich um eine sog. Gürtelpuppe. Die verpuppungsbereite Raupe spinnt sich vor ihrer letzten Häutung zur Puppe an einem Pflanzenstengel eine seidene Fußplatte zurecht, an der sie sich mit dem letzten Beinpaar, dem Nachschieber, einhakt. Danach spinnt sie am Übergang vom vorderen zum mittleren Körperdrittel einen Seidenfaden um sich herum, den sie links und rechts ebenfalls am Pflanzenstengel verankert. Nach dem Abstreifen der letzten Raupenhaut kommt es darüberhinaus zu einem Verkleben zwischen frischer Puppenhülle und Gürtelfaden, so dass die Sicherung nahezu perfekt ist. Je nach Färbung der Umgebung nehmen die Puppen entweder eine grüne, in dürrem und abgestorbenem Kraut auch eine grau-braune Tönung an. So getarnt entwickeln sich in ihnen innerhalb von 14 Tagen die Falter der nächsten Generation. Puppen, deren Raupen bei weniger als 16,5 Stunden Licht pro Tag aufgewachsen sind, wie dies bei der Sommergeneration der Fall ist, überwintern jedoch. Gut verborgen trotzen sie Wind und Wetter, um erst im darauffolgenden Frühjahr die Falter zu entlassen. Veständlicherweise wird während dieser langen Ruhephase ein großer Teil der Puppen durch Vögel, Mäuse, Parasiten oder auch menschliche Einflüsse vernichtet, wodurch sich die relative Individuenarmut der Frühjahrsgeneration erklärt.
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Puppe von Papilio machaon
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Schwalbenschwanzraupe, im Kräutergarten auf Dill entdeckt
Der Schwalbenschwanz ist ein guter Flieger. Die Weibchen streifen bei der Suche nach Eiablagemöglichkeiten weit umher und kommen dadurch auch regelmäßig in unsere Gärten. Die unsteten Falter sind selten länger zu beobachten, die Begegnungen mit ihnen sind meist nur flüchtig. Durch eine geeignete Bepflanzung hat man jedoch eine echte Chance, den Schwalbenschwanz in den Garten zu locken und auch seinen Raupen gute Entwicklungsmöglichkeiten zu verschaffen. Der Falter selbst wird u.a. durch den Schmetterlingsflieder magisch angezogen und verweilt besonders an den blau-violetten Blüten sehr lange. Gerne saugt er in Gärten auch an Phlox, in der Natur an Disteln, Rotklee und Skabiosen. Kräutergärten und Gemüsebeete mit Möhren in prallsonniger Lage werden regelmäßig zur Eiablage genutzt. Sie sollten die stets nur in wenigen Exemplaren zu findenden Raupen auf Dill, Fenchel oder Möhren belassen! Die Raupen sind gute Futterverwerter und fressen so wenig, dass ihre Fraßspuren oft unentdeckt bleiben. In keinem Fall werden Ihre Kulturpflanzen dadurch geschädigt. Wollen sie den Schwalbenschwanz zur Eiablage vielleicht sogar anlocken, so sollten sie die Beete nur dünn bepflanzen und auf eine vollsonnige Lage achten. Da insbesondere Jungpflanzen und zarte Triebe über wärmespeicherndem Boden bei der Eiablage bevorzugt werden, sollten sie den Boden regelmäßig harken und von "Unkräutern" frei halten. Verzichten Sie in diesem Zusammenhang auch auf das ansonsten zu empfehlende Mulchen. Insektizide sollten selbstverständlich obsolet sein! Da die Puppen einen ungestörten Überwinterungsplatz brauchen, sollten in der Umgebung der Raupenfutterpflanzen befindliche dürre Krautsäume nicht schon im Herbst beseitigt werden, sondern nach Möglichkeit erst im nächsten Frühjahr. Dürres Kraut bitte nicht verbrennen! Noch ein Tipp zum Schluss: Auch wenn sie noch so interessiert sind, vergessen Sie es, die gut getarnten Puppen finden zu wollen. Sie werden sie im Normalfall nicht entdecken!

ein Beitrag von Andreas Haller, Ingolstadt (erstellt am 14.04.2001)