Gefährdung und Schmetterlingsschutz im Landkreis Eichstätt
Biotopansprüche der Präimaginalstadien von
Parnassius apollo melliculus (Stichel 1906)
Beitrag zur Suchexkursion nach Raupen des Apollofalters im Rahmen des Seminars „Apollo im Aufwind“
von Dr. Andreas Haller
1. Erfassung von Präimaginalstadien
Artenschutz kann sich nur in wenigen Ausnahmefällen auf den Schutz der Individuen beschränken. Vielmehr
ist der entscheidende Schritt zum Schutz einer Spezies der Schutz geeigneter Lebensräume. Diese
Tatsache erfordert für ihre praktische Umsetzung genaue Bestandsaufnahmen der
für Schutzmaßnahmen vorgesehenen Biotope. Eine Bestandsaufnahme sollte
insbesondere im Schmetterlingsschutz nicht nur der möglichst vollständigen
Erfassung aller vorkommenden Arten, sondern auch dem Aufzeigen der für
Präimaginalstadien wichtigen Biotopstrukturen dienen. Gerade Veränderungen der
Larvalhabitate wurden bei vielen gefährdeten Arten als entscheidende
Rückgangsursachen erkannt (5, 6). Entsprechend orientierte Kartierungen können
daher bereits wichtige Hinweise geben, wie zukünftige Schutz- und
Pflegemaßnahmen zu gestalten sind.
Was die Artenerfassung selbst
angeht, so wird diese häufig durch Biotopbegehungen zur Flugzeit der
entsprechenden Schmetterlingsart erfolgen. Ein solches Vorgehen, welches allerdings die
Präimaginalstadien außer Acht läßt, hat jedoch einige Nachteile. Es ist
lediglich bei in höheren Individuendichten vorkommenden Arten oder bei einer
entsprechend langen Flugzeit hinreichend sicher. Es versagt dagegen oftmals bei
„low-density-species“ oder bei Arten mit einer sehr kurzen Flugzeit. Als
Beispiel für eine Art mit niedriger Populationsdichte sei der Große Eisvogel (Limenitis
populi L. 1758) genannt, eine Spezies, bei der die Falter sehr rasch
verenden, ist z.B. der Habichtskrautspinner (Lemonia dumi L. 1761). Beide
Arten werden sicherer über die Suche ihrer Präimaginalstadien nachgewiesen.
Ferner sind manche Spezies als Falter nicht zu unterscheiden. Als Beispiel
seien der Gemeine Heufalter (Colias hyale L. 1758) und der
Hufeisenklee-Heufalter (Colias australis Verity 1911) genannt, die erst
1911 durch die Untersuchung ihrer Raupen als zwei eigenständige Arten
beschrieben werden konnten.
Schmetterlinge mit großem
Aktionsradius werden bei ihren Streifzügen in Gebieten angetroffen, die nichts
mit dem eigentlichen Brutbiotop gemein haben. Falterhabitat und
Entwicklungshabitat unterscheiden sich oftmals nicht nur, was deren räumliche
Ausdehnung anbelangt, sondern bieten gelegentlich auch sehr unterschiedliche
mikroklimatische Bedingungen. Berücksichtigt man die Tatsache, dass ein relativ
kurzlebiger Schmetterling nicht erst beim Schlüpfen des Falters geboren wird,
sondern eine erheblich längere Zeit für seine Entwicklung als Raupe gebraucht
hat, so wird klar, dass bei der Beurteilung von Biotopen der Qualität und
Ausdehnung der Brutstätten mindestens die gleiche Beachtung geschenkt werden
muss wie der Wiese, auf der sich später die Falter tummeln. Anders gesagt: Ein
Schmetterling „lebt“ nicht immer dort, wo er fliegt.
Die Suche nach Eiern und Raupen
dagegen erhöht die Zuverlässigkeit eines Artnachweises, und das nicht nur aus
den bereits genannten Gründen. Anders als bei der Falterbeobachtung ist sie
nämlich nahezu witterungsunabhängig. Hinzu kommt, dass die im Vergleich zur Falterflugzeit
erheblich längere Entwicklungsperiode Bestandsaufnahmen von der Jahreszeit fast
unabhängig macht. In einigen Fällen führt sogar die Suche im Winter zu den
besten Ergebnissen. Außerdem bedingt die Vorliebe eierlegender Weibchen für
bestimmte Pflanzen in einem oft genau definierbaren Mikroklima und später der
eingeschränkte Aktionsradius der Raupen, dass die Suche auf eng umschriebene
Bereiche begrenzt werden kann. Dies erhöht die Effektivität und mindert den
Aufwand, der für einen Artnachweis erforderlich ist. Sind dagegen die
Bedürfnisse der Präimaginalstadien bisher nicht bekannt, so können gerade durch
die Suche nach Eiern und Raupen einzelner Arten die für deren Entwicklung
entscheidenden Biotopstrukturen erkannt werden.
Beim Apollofalter handelt es sich
weder um eine „low-density-species“, noch um eine Art mit kurzer Flugzeit. Die
Falterpopulation besitzt jedoch eine Dynamik, die eine Einschätzung ihrer Größe
nicht immer einfach macht: Zu Beginn der Flugzeit erscheinen die Männchen. Ihre
Zahl nimmt rasch zu, während die Weibchen erst mit einiger Verzögerung
schlüpfen. Mit dem Erscheinen der Weibchen reduziert sich die Anzahl der
Männchen allmählich, bis zum Schluß nur noch eierlegende Weibchen zu finden
sind.
Apollofalter haben einen hohen
Nektarbedarf und sind daher oft bei der Nahrungsaufnahme an Disteln und anderen
Korbblütlern zu beobachten. Hierfür weichen sie meist auf blütenreiche
Magerrasen aus. Die Beobachtung von Faltern sagt jedoch oft wenig darüber aus,
ob das untersuchte Biotop auch entsprechende Entwicklungsmöglichkeiten für die
Raupen bietet. Hierzu muss gezielt nach den unverwechselbaren Präimaginalstadien
gesucht werden.
Die Eier des Apollofalters werden
bereits im Juli und August abgelegt und sind aufgrund ihrer Größe und weißen Färbung
relativ auffällig. Erst gegen Ende Januar, zur Zeit der Schneeschmelze,
schlüpfen die Räupchen, die, anders als viele andere Tagfalterraupen, die
Eischale nach dem Schlüpfen nicht auffressen. Somit ergibt sich zumindest in
schneefreien Lagen die Möglichkeit, für mindestens 6 Monate lang ein
Apollofaltervorkommen alleine anhand von Eifunden nachweisen und quantifizieren
zu können.
Obwohl Apollofalterraupen
Futterspezialisten sind, die fast ausschließlich auf Sedum album zu finden
sind, sind Jungraupen wegen ihre geringen Größe und dunklen Färbung auf der
Futterpflanze selbst nur sehr schwer zu entdecken. Erst wenn die Tiere ihre
typische orangegelbe Fleckenzeichnung zeigen, ist eine Suche nach den Raupen
erfolgversprechend. Besonders im Mai sind sie bei den ersten wärmenden
Sonnenstrahlen des Tages offen auf ihren Futterpflanzen sitzend zu entdecken.
Gerade in dieser Zeit kann die Qualität der Raupenhabitate und die
Populationsgröße am besten eingeschätzt werden. Allerdings muss einschränkend
hinzugefügt werden, dass sich die Raupen bei schlechtem Wetter oder auch bei
allzu intensiver Sonneneinstrahlung und Wärmeentwicklung gerne in Bodenstreu
oder Geröllspalten verkriechen und dann kaum mehr zu finden sind. Die Suche
nach Apollofalterraupen ist also alles andere als witterungsunabhängig.
Gegen Ende Juni und im Juli sollten
potentielle Raupenhabitate nicht mehr betreten werden, da sich die Tiere zu
dieser Zeit verpuppen. Die Puppen liegen relativ ungeschützt an der
Erdoberfläche, versteckt zwischen Steinen oder in Erdspalten. Hierdurch ergibt
sich gerade in rutschendem Geröll die Gefahr von Trittschäden, der die Tiere
möglichst nicht ausgesetzt werden sollten. In diesem Rahmen muss auch auf die
Gefährdung durch Fossiliensammler hingewiesen werden, die alljährlich zur
Sommerurlaubszeit die Plattenkalkhalden im Altmühltal absuchen.
2. Erfassung der Präimaginalstadien von Parnassius apollo
Der Apollofalter bildet in
Deutschland an seinen natürlichen Lebensräumen kaum noch stabile Populationen.
Die Aufgabe traditioneller landwirtschaftlicher Nutzungsformen führte in der
Vergangenheit zur Sukzession von Magerrasen und Verbuschung felsiger
Steilhänge. Dies bewirkt einerseits eine Verarmung der Wiesen an für die Falter
geeigneten Saugblüten, andererseits eine zunehmende Beschattung und Verdrängung
der Raupenfutterpflanze Sedum album. Vielerorts ist der Apollofalter daher
bereits verschwunden, lediglich Landstriche mit geeigneten Ersatzbiotopen
bieten ihm auch heute noch eine Lebensgrundlage. Hierzu gehören Stützmauern und
Böschungen entlang von Straßen oder Bahngleisen sowie die im Altmühltal zu
findenden Abraumhalden von Steinbrüchen.
Zur Sicherung des
Apollofaltervorkommens empfiehlt sich in erster Linie die Pflege bzw.
artgerechte Wiederherstellung geeigneter Biotope. Sekundäre Lebensräume sollten
zumindest solange in langfristige Pflegepläne miteinbezogen werden, bis durch
eine effiziente Wiederherstellung der ursprünglichen Biotope diese vom
Apollofalter wieder genutzt werden können. Zur Erstellung sinnvoller
Pflegekonzepte bedarf es jedoch fundierter Kenntnisse bezüglich der
Biotopansprüche,n des Apollofalters und seiner Raupen. Bereits bei der Eiablage
werden Plätze mit spezifischen mikroklimatischen Bedingungen berücksichtigt,
die später für die Entwicklung der Raupen oftmals wichtige Faktoren beinhalten.
H. J. Weidemann (7, S. 140 f.) schreibt zum Ablageverhalten von P. apollo: „Die
eiablegenden Weibchen krabbeln in den Felshalden umher und heften ihre Eier an
dürre Materie, z. B. in Grashorste oder unter überhängende Steine. ... Es (das
Ei) wird nicht an der Raupenfraßpflanze abgelegt, sondern an dürre Materie, z.
B. dürre Halme in Grashorste neben den Sedum-Polstern.“ Ich selbst jedoch
beobachtete z. B. weitaus mehr Ablagen auf frischen Sedumpflanzen oder deren
vertrocknenden Blütenständen. Die vorliegende Arbeit sollte diese eher
gefühlsmäßige Einschätzung objektivieren und weitere Informationen zur Biologie
von P. apollo liefern, welche bei zukünftigen Biotoppflegemaßnahmen
berücksichtigt werden könnten.
Material und Methoden:
Um das Ablageverhalten von P. apollo zu studieren wurden
im Spätwinter 1997 in einem Abbaugebiet für Plattenkalke die
Hänge dreier Abraumhalden (A - C) und einer kleinen Senke (D) durch die
Inspektion der dort wachsenden Sedum-album-Pflanzen und des an die Pflanzen
angrenzenden Materials nach Eiern der Subspezies melliculus abgesucht. Anhand
des Alters der auf den Hängen wachsenden Sträucher konnte abgeschätzt werden,
dass die Halden etwa alle zur selben Zeit aufgeschüttet worden waren.
Berücksichtigt wurde das Material, an welches die Eier geheftet worden waren,
die Höhe des Fundes im jeweiligen Hang, der grob in ein oberes, ein mittleres
und ein unteres Drittel eingeteilt wurde, und die grobe Himmelsrichtung, zu der
der Hang ausgerichtet war. Halden und Senke wurden gemäß der Menge des
Sedum-album-Aufwuchses in Abhängigkeit zu ihrer Fläche mit Punkten bewertet (0
= kein oder kaum Sedum, 1 = kräftige Einzelpflanzen, 2 =
"Sedumteppiche"). Gleichzeitig wurden Punkte für den Grad der
Sukzession vergeben (0 = keine oder kaum, 1 = Bewuchs mit Gräsern und Kräutern,
2 = Teilbewuchs mit Sträuchern):
Tabelle 1: Übersicht über Futterpflanzenangebot und Grad der Sukzession der untersuchten Ablageplätze
Sedum album-Bewuchs |
Sukzession |
ost |
süd |
west |
nord |
ost |
süd |
west |
nord |
Abraumhalde A |
2 |
1 |
0 |
0 |
1 |
1 |
1 |
2 |
Abraumhalde B |
1 |
2 |
1 |
0 |
1 |
1 |
1 |
0 |
Abraumhalde C |
0 |
1 |
2 |
0 |
0 |
0 |
0 |
0 |
Senke D |
1 |
2 |
0 |
0 |
1 |
0 |
2 |
2 |
4. Ergebnisse:
4.1. Qualitative Einordnung der untersuchten Halden
Um eine
bessere Vergleichbarkeit der Hanglagen zu ermöglichen, wurde anhand der Punktwerte
versucht, eine biologische Wertigkeit der einzelnen Hänge in einem Gesamtwert
zu errechnen. Hierzu wurde von der Summe der Punkte für Sedumbewuchs als positiven
biologischen Wert für ein Raupenhabitat die Punktesumme der sich für die Eiablage
negativ auswirkenden Sukzession subtrahiert. Die biologische Wertigkeit ist demnach
umso größer, je höher der Punktwert liegt.
Tabelle 2: Qualität der untersuchten Ablageplätze
Summenwerte für |
Ostseiten |
Südseiten |
Westseiten |
Nordseiten |
S.album-Bewuchs |
4 |
6 |
3 |
0 |
Sukzession |
3 |
2 |
4 |
4 |
Differenzwert |
1 |
4 |
-1 |
-4 |
4.2. Ablagesubstrat
Es wurden
insgesamt 58 Eier gefunden. Die Verteilung auf die möglichen Ablagesubstrate vegetativer
Sedumtrieb (n=28), trockener Sedumtrieb (vertrockneter Vegetationstrieb oder
alter Blütenstand)(n=24), sonstiges pflanzliches Material (n=3) und Gestein
(n=3) gibt Diagramm 1 graphisch wieder:
4.3. Abhängigkeit der Eiablage von der Hanglage
Abhängig von
den unter 3. in Tabelle 1 aufgeführten und unter 4.1. bewerteten unterschiedlichen
Qualitäten der Ablageplätze gibt das Diagramm 2 die Verteilung von 58 Eiern und
ab dem 23.02.97 gefundenen 9 Jungraupen, die aufgrund ihres zu dieser Zeit noch
äußerst eingeschränkten Aktionsradius miteinbezogen werden konnten, auf die
vier möglichen Hanglagen wieder:
4.4. Abhängigkeit der Ablage vom Hangabschnitt
Diagramm 3
gibt die Verteilung der gefundenen Eier und Jungraupen in Abhängigkeit von der
Lage im Hang wieder:
4. Diskussion:
Durch die
vorliegenden Ergebnisse zum Eiablageverhalten von Parnassius apollo melliculus
können im wesentlichen Aussagen über Ablagesubstrat einerseits und über
mikroklimatische Voraussetzungen an den Ort der Eiablage andererseits getroffen
werden.
Im Gegensatz
zu der von H.J. Weidemann (7, S. 140) vertretenen Meinung, Apollofalter würden
ihre Eier nicht auf der Raupenfraßpflanze ablegen, zeigte sich bei der Suche
nach Eiern deutlich, dass als Ablagesubstrat gerade Teile der Futterpflanze
Sedum album bevorzugt werden (Diagramm 1). Die Eiablage erfolgt dabei sowohl an
den Vegetationstrieben als auch an den zur Flugzeit vertrocknenden Blütenständen.
Letztere brechen vermutlich teilweise während des Herbstes und Winter durch
Einwirkung von Regen und Schnee ab und rutschen mitsamt der anhaftenden Eier in
Geröllspalten, wo sie nicht mehr zu finden sind. Der quantitative Unterschied
zwischen den auf trockenen, also auch auf Blütenständen, bzw. noch
saftigen Pflanzenteilen gefundenen Eiern (n = 24 vs. 28) wurde daher als nicht
signifikant erachtet. Deutlich geringere Mengen Eier fanden sich dagegen in
vergleichbarer Menge sowohl auf Nichtfutterpflanzen als auch auf anorganischer
Materie. Es wäre möglich, dass ein Teil der an Kalkplatten gehefteten Eier
aufgrund ihrer ebenfalls kalkweißen Färbung nicht entdeckt wurde und in der
Statistik unterrepräsentiert ist. Die unmittelbare Beobachtung und qualitative
Auswertung der Eiablage selbst könnte hier genauere Ergebnisse liefern,
Abweichungen von den vorliegenden Untersuchung zum Eiablagesubstrat "Gestein"
dürften jedoch zu vernachlässigen sein.
Einzelne, auch
noch so kräftige Sedum-Pflanzen wurden kaum belegt, wenn sie isoliert standen.
Erst dort, wo viele Einzelpflanzen gruppiert stehen oder sogar zu regelrechten
Sedum-Teppichen konfluieren, werden Standorte der Futterpflanze für die
Eiablage attraktiv. Anders als z. B. die Raupe des Schwalbenschwanzes, welche
angefangen bei den zarten Triebspitzen bis hin zum Stengel alle Teile der
Futterpflanze verwerten kann und diese daher kaum verläßt, sind gerade die
Jungraupen von P. apollo sehr wählerisch. Befressen werden ausschließlich die
zarten jungen Blattrosetten der Triebspitzen. Nach wenigen Mahlzeiten ist ein
solcher Trieb abgeweidet und ein neuer muss aufgesucht werden. Mit zunehmendem
Alter der Raupen werden dann zwar auch ältere Pflanzenteile befressen, doch
bis zur Verpuppung behalten die Raupen dieses als Spitzenfraß bezeichnete
Verhalten bei. Apolloraupen sind im Vergleich zu anderen nicht bodenlebenden
Raupen relativ wanderfreudig. Ihr Aktionsradius ist jedoch sehr von der Größe
abhängig. Bis zu einem Gewicht von 5 mg werden maximal 20 cm zurückgelegt. Ab
einem Gewicht von 200 mg werden deutlich längere Strecken überwunden, markierte
Tiere wurden bis zu 0,8 m vom Ausgangspunkt entfernt wiedergefunden. Der
Aktionsradius einer Raupe mit 400 - 1000 mg beträgt schließlich bis zu 1,7 m
(2, S. 334). Es muss folglich eine ausreichende Anzahl von Einzeltrieben zur
Verfügung stehen und der Weg zur nächsten Sedumpflanze darf nicht zu weit sein,
um gerade die Ernährung von Jungraupen unter einem für sie noch tolerablen
Kraftaufwand und Risiko sicherzustellen. Dieser Umstand ist meist nur für
konfluierende Bestände von Sedum album erfüllt und erscheint limitierend für
die Dichte des Raupenbesatzes.
Entscheidend
ist jedoch nicht nur die Menge, sondern auch Standort und Qualität der Futterpflanzen.
So gut wie ausschließlich erfolgt die Ablage in sonniger Lage (Diagramm 2).
Werden Sedumbestände dagegen durch Gräser oder Sträucher überwuchert, so
scheiden diese Standorte als Brutbiotope aus, üppige Sedumbestände verlieren
ihre Bedeutung. Ursächlich hierfür ist einerseits, dass Apollofalter es
vermeiden, durch Gebüsch oder im Schatten zu fliegen. Vielmehr weichen sie
gezielt aus, um- oder überfliegen notfalls auch höhere Bäume, suchen im
Gegenzug jedoch die Nähe bewuchsarmer, wärmespeichernder steiniger Böden auf.
Die oberen Partien der Plattenkalkhalden sind der Erosion am stärksten
ausgesetzt. Humus wird abgeschwemmt und Nährstoffe ausgewaschen. Ferner
trocknen nach Niederschlägen Wind und Sonne den gut drainierten Boden in den
sonnenseitigen oberen Hangabschnitten rasch wieder aus. Sedum album ist an
dieses Mikroklima bestens angepasst und besitzt in dieser Lage einen deutlichen
Standortvorteil. In den unteren Hangpartien dagegen reichern sich Nährstoffe
an, der Boden ist insbesondere auch auf Nordhängen gleichmäßig feucht. Gräser
und Sträucher können sich schneller ansiedeln und verdrängen oder beschatten
die dortigen Sedumbestände. Dies mag auch der Grund dafür sein, warum sich in
der vorliegenden Untersuchung Eier vornehmlich in den oberen sonnigeren
Hanganteilen fanden (Diagramm 2 und 3). In den natürlichen Biotopen von P.
apollo melliculus finden sich gute Sedumbestände auf Felsplateaus, in
Felsnischen oder auf Geröllfeldern am Fuße der Felsen. Letztere grenzen jedoch
oftmals an erdreiche Trockenrasenabschnitte, dort, wo die Sukzession stärker
fortschreitet und gute Sedumbestände langfristig zu verdrängen droht. Bei
Pflegemaßnahmen erscheint es daher besonders wichtig, Felsbänder und
insbesondere Geröllfelder an deren Fuße durch Entbuschungen immer wieder
freizustellen.
Es wird
vermutet, dass auch bestimmte Inhaltsstoffe der Futterpflanze das Gedeihen der
Raupen beeinflussen. So wird der Farbstoff Anthokyan, der der Pflanze als
Lichtschutz dient und deren Blätter rötlich färbt, nur unter ausreichender
Sonneneinstrahlung synthetisiert (3, S. 12). Mehrfach wurde berichtet, dass es
bei der Raupenaufzucht mit im Garten kultiviertem grünem Sedum, welches diesen
Farbstoff nicht aufwies, zu schweren Verlusten aufgrund von Durchfallerkrankungen
gekommen war (1, S. 60). Durchfälle treten auch in der Zucht z. B. von Bärenraupen
an zu saftigem frischem Futter auf, so dass erfahrene Züchter nur welke Blätter
verfüttern (1, S 115, S. 122). Es ist durchaus denkbar, dass die Ausfälle bei
der Zucht von Apolloraupen auf kultiviertem Sedum ebenfalls auf einen zu hohen
Flüssigkeitsgehalt dieses Futters zurückzuführen sind und mit den
Inhaltsstoffen der Pflanzen nichts zu tun haben. Andererseits ist auffallend,
dass sich Apolloraupen in freier Natur von L 1 - 3 fast ausschließlich auf
"rotem" Sedum finden, während ältere Tiere zwar ebenfalls rotblättriges
Sedum bevorzugen, aber auch häufiger auf grünblättrigem anzutreffen sind (2, S.
334). Da sich der rote Farbstoff nur in besonnter Lage entwickelt und
Standorte grünblättrigen Sedums ein gewisses Defizit an direkter
Sonneneinstrahlung aufweisen, ist es jedoch wahrscheinlicher, dass aufgrund des
Ablageverhaltens primär meist potentielle Standorte des rotblättrigen Sedums
von den Faltern berücksichtigt werden. Ferner finden sich die eventuell in
schattigerer Lage geschlüpften Jungraupen auf der Suche nach den wärmsten
Plätzen automatisch auf Pflanzen ein, welche einer intensiven Besonnung
ausgesetzt sind und daher auch Anthokyan als Lichtschutz synthetisiert haben.
Gerade Jungraupen mit ihrem begrenzten Aktionsradius verweilen an solchen
Stellen und finden sich dort oftmals in kleinen Grüppchen zusammen, während die
erhöhte Mobilität größerer Tiere auch einen Wechsel in weniger stark besonnte
Sedumflächen ermöglicht. Auch bezüglich des Spitzenfraßes wurde postuliert, dass
die Raupen durch bestimmte Inhaltsstoffe in den einzelnen Pflanzenteilen zu
diesem Verhalten gezwungen sind. Mir erscheint jedoch plausibler, dass die Tiere
zum einen aufgrund rein mechanischer Gesichtspunkte vornehmlich die zarteren
Triebspitzen befressen und zum anderen gerade aus diesen Pflanzenteilen einen
höheren Nährstoffgewinn ziehen.
Die
Behauptung, die Falter würden bei der Ablage nur selten auffliegen, sondern die
Eier durch Umherkrabbeln verteilen (7, S. 140), kann ich unabhängig von der
vorliegenden Untersuchung für P. apollo melliculus nur bedingt bestätigen. Zwar
werden, anders als z. B. bei P. machaon, oft 2 - 3 Eier in unmittelbarer
Nachbarschaft zueinander abgelegt, die von mir beobachteten Falter flogen dann
jedoch regelmäßig auf, um sich erst nach kurzem Suchflug einige Meter weiter
wieder niederzulassen. Auch auf sehr weitläufigen Sedumbeständen verweilten die
Falter nur zur Ablage weniger Eier, einzeln stehende Pflanzen werden dagegen,
wie bereits erwähnt, kaum belegt.
Die
qualitative Einordnung der untersuchten Halden hinsichtlich ihres Wertes für
die Eiablage ist nur grob möglich. Der Versuch diese biologische Wertigkeit zu
berechnen (Tabelle 2) zeigte jedoch, dass Ost- und Westseiten relativ
indifferente Punktwerte aufwiesen, während Nordseiten klar zu negativen
(fortgeschrittene Sukzession und spärlicher Sedum-album-Bewuchs), Südseiten
deutlich zu positiven Werten (günstige Sedumbestände) tendieren (Tabelle 2).
Fast zwangsläufig fanden sich daher die meisten Eier und Jungraupen auf
Südhängen, nur sehr wenige auf Nordhängen, mäßig viele zu gleichen Teilen auf
Ost- und Westhängen (Diagramm 2). Der Einfluß der Sonneneinstrahlung scheint
sich auf das Ablageverhalten auch indirekt auszuwirken, da diese die Dichte des
Sedumaufwuchses beeinflußt. Eier werden dort abgelegt, wo ausreichend Sedum
vorhanden ist und eine Überwucherung mit Gräsern und Gesträuch ausbleibt,
prinzipiell, aber nur zu einem geringen Teil, also auch auf Nordhängen.
5. Zusammenfassung
Die
vorliegende Untersuchung zeigt, dass P. apollo melliculus bei der Auswahl des
Eiablagemediums Teile der Futterpflanze Sedum album klar bevorzugt, wobei es
keinen Unterschied macht, ob es sich um vertrocknende Blütenstände oder noch
frische Vegetationstriebe handelt. Andererseits wird teilweise auch relativ
unspezifisch u. U. sogar anorganische Materie belegt. Voraussetzung ist jedoch
das Vorhandensein ausreichender Mengen von Sedum album in unmittelbarer Nähe
sowie eine unbeschattete möglichst vollsonnige Lage des Ablageplatzes, gut
zugänglich für das anfliegende Weibchen. Südhänge bieten die günstigsten
Bedingungen. Intensive Sonneneinstrahlung heizt den Boden auf und sorgt für
eine der Raupenentwicklung zuträgliche Temperatur im Bodenbereich. Gleichzeitig
trocknet der Boden nach Niederschlägen schneller wieder aus. Es können sich
nur solche Pflanzen ansiedeln und ausbreiten, die diese Schwankungen von
Temperatur und Bodenfeuchte tolerieren. Hierzu gehört insbesondere Sedum
album, das dadurch einen gewissen Standortvorteil besitzt. Dieser
Standortvorteil verstärkt sich dort wo der Boden nur eine dünne Humusschicht
aufweist, was eine Ansiedelung anderer Pflanzen verzögert. Die für die Eiablage
besten Sedumbestände finden sich daher dort, wo die Erosion Humus abträgt,
Nährstoffe stark ausgeschwemmt werden, der Boden andererseits aber gut
drainiert ist und sich durch intensive Sonneneinstrahlung rasch wieder aufheizt
und abtrocknet. Menge, Standort und Qualität der Sedumpflanzen sind die drei
für Apollofalter entscheidenden Variablen auf der Suche nach geeigneten Ablageplätzen.
Literaturverzeichnis:
1. Friedrich, E.:
Handbuch der Schmetterlingszucht - Europäische Arten,
2. Auflage,
Stuttgart: Franckh, 1983
2. Geyer, A.; Dolek, M.:
Ökologie und Schutz des Apollofalters (Parnassius apollo L.) in
der Frankenalb,
Mitt. Dtsch. Ges. Allg. Angew. Ent. 10, S. 333 - 336, Giessen,
1995
3. Glaßl, Helmut:
P. apollo – Seine Unterarten,
im Selbstverlag, Möhrendorf, 1993
4. Richarz, N.; Neumann, D.; Wipking, W.:
Untersuchungen zur Ökologie des Apollofalters
(Parnassius apollo vinningensis Stichel 1899, Lepidoptera, Papilionidae) im
Weinbaugebiet der unteren Mosel,
Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft
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Düsseldorf, 1989
5. Thomas, J.A. (1980):
Why did the large blue become extinct in Britain?
Oryx 15, 243-247
6. Warren, M.S. (1991):
The successfull conservation of an endangered species, the heath
fritillary butterfly Mellicta athalia, in Britain.
Biol. Conserv. 55,
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7. Weidemann, H.-J.:
Tagfalter: Entwicklung – Lebensweise,
Band 1; Melsungen:
Neumann-Neudamm, 1986