Larvalhabitat des Segelfalters: Krüppelschlehen auf einer Steinbruchshalde |
In mediterranen
Ländern sind Segelfalter relativ häufig anzutreffen. Das Makroklima entspricht voll den
Bedürfnissen der Präimaginalstadien und so stehen ungeachtet der örtlichen
Gegebenheiten verschiedene Futterpflanzen an den unterschiedlichsten
Standorten als Raupenfutterpflanzen zur Verfügung. Auf Kreta fand ich z. B.
Eier und Raupen auf einzeln stehenden Mirabellenbäumchen inmitten von
Olivenhainen. In unseren Breiten herrscht jedoch alles andere als ein
mediterranes Klima. Dies kann nur dadurch ausgeglichen werden, indem zur
Eiablage Orte mit entsprechend günstigem Mikroklima aufgesucht werden. Man
nennt dies die ökologische Kompensation.
Im Landkreis Eichstätt, wo noch gute Segelfalterpopulationen vorkommen,
entsprechen die Raupenbiotope im Prinzip denen des Apollofalters. Hierzu zählen
sowohl natürliche Felsfluren als auch vom Menschen geschaffene Steinbrüche und
Abraumhalden des Plattenkalkabbaus. Als Futterpflanze dienen fast
ausschliesslich niedrig gewachsene Schlehenbüsche (Prunus spinosa), nur selten finden sich
auch Felsenkirschen (Prunus mahaleb) an günstigen Standorten. |
Die Eier
werden ausschließlich auf Büschen in vollsonniger Lage abgelegt. Die
Zweige müssen völlig frei stehen, denn die Eiablage findet aus dem Flug heraus
statt, indem sich das Weibchen flatternd nur kurz an einem Blatt festhält, den
Hinterleib zwischen die Beine hindurch vorkrümmt und nach Absetzen eines
einzigen Eies sofort wieder weiter fliegt. Wird dem Weibchen der Anflug
durch Büsche verwehrt oder wird es durch die Krautschicht oder zu dicht
stehende Grashalme irritiert, sucht es lieber einen anderen Eiablageplatz auf.
Daher findet sich im Bereich guter Ablagebüsche ein nur magerer Bodenbewuchs,
im optimalen Fall besteht der Untergrund aus nacktem Fels und Gestein. |
frisch abgelegtes (noch gelblich-weißes) Ei des Segelfalters auf Schlehe |
bereits gereiftes Segelfalterei (braun, mindestens 1-2 Tage alt) |
Spärlich
bewachsener trockener Untergrund bietet auch den Eiern und Raupen die
besten Entwicklungsbedingungen. Tagsüber kann sich nämlich der Boden durch die
intensive Sonneneinstrahlung stark aufheizen, nachts wird die Wärme wieder
langsam abgegeben. Je flacher die Raupen über dem Untergrund sitzen, umso mehr
profitieren sie von dieser Wärmefalle, die ihnen auch in unseren Breiten
mediterrane Bedingungen verschafft. Daher werden die Eier nur auf niedrigwüchsigen
Büschen abgelegt, sog. Krüppelschlehen, und hier noch bevorzugt auf
horizontal wachsenden, bodennahen Zweigen in maximal Kniehöhe. |
Die Biotopansprüche
des Segelfalters sind so eng definiert, dass man
davon ausgehen kann, in einem guten Gebiet auf einer einzeln stehenden
Krüppelschlehe mit maximal 100 cm Höhe auf den horizontal über kargem,
steinigem und trockenem Boden wachsenden Zweigen mit Sicherheit auch Eier oder
Raupen finden zu können, wenn einem nicht Meisen, Wespen oder andere Räuber
zuvor gekommen sind. Günstig exponierte Zweige
werden über längere Zeit von verschiedenen Weibchen angeflogen und manchmal
entsprechend üppig belegt. |
frisch abgelegte und bereits gereifte Segelfaltereier an einer besonders günstig exponierten Zweigspitze (insgesamt 8 St.!) |
ruhender Segelfalter |
Die Flugzeit des Segelfalters
beginnt bei uns bereits im April und erstreckt sich in einer Generation bis in
den Juni. Das mitteleuropäische Klima erlaubt lediglich die Entwicklung einer
einzigen Generation pro Jahr. Die Entwicklung einer zweiten Generation in
warmen Jahren, wie häufig in der Literatur zu lesen, dürfte im Landkreis
Eichstätt eher selten vorkommen. Puppen, in denen sich Falter einer zweiten
Generation entwickeln, sind grün gefärbt und finden sich auf Ästen oder Blättern
der Futterpflanze, Puppen die überwintern sind gelblich-braun und in der
Krautschicht verborgen. Wie auch beim Schwalbenschwanz, so versammeln sich die
Männchen der Segelfalter an sog. hilltopping-Plätzen.
Während dem Schwalbenschwanz hierfür allerdings Hügelkuppen oder Hangkanten
ausreichen, scheinen Segelfalter besonders hochragende Burgtürme, Felsnadeln
oder hohe Bäume auf den Geländeerhebungen aufzusuchen. Unter den Männchen
finden hier Revierkämpfe statt, bei denen nur der stärkste seinen Platz
behaupten kann. Da frisch geschlüpfte Weibchen ebenfalls die hilltopping-Plätze
aufsuchen, um sich mit dem dortigen Revierinhaber zu paaren, wird die Weitergabe
nur des besten Erbgutes garantiert. Die Begattung findet gegen Mittag statt und
dauert einige Stunden. |
Flügeldetailaufnahme |
Erst etwa eine knappe Woche nach
der Begattung beginnt das Weibchen mit der Eiablage, denn die Eier brauchen
nach dem Schlüpfen des Falters noch einige Tage zur Reife. Einzeln werden sie
an die Spitzen meist exponierter Zweige der Futterpflanzen abgelegt, bei der
kleinblättrigen Schlehe meist auf der Blattunterseite, häufig aber auch an der
Oberseite. Frisch abgelegte Eier sind durch ihre opalweiße Farbe leicht zu
entdecken, zumal Segelfaltereier auch relativ groß sind, deutlich größer als z.B.
Eier des verwandten Schwalbenschwanzes. |
frisch abgelegtes (noch gelblich-weißes) Ei des Segelfalters auf Schlehe |
Segelfalterei kurz vor (ca. 1 Tag) dem Schlüpfen des Räupchens |
Nach ein bis zwei Tagen beginnen sich
die Eier dunkelbraun zu verfärben und sind dann bereits schwerer zu finden.
Abhängig von der Wetterlage und den herrschenden Temperaturen entwickeln sich in
ihnen innerhalb von ein bis zwei Wochen die Raupen. |
Das bevorstehende Ausschlüpfen
macht sich etwa einen Tag vorher durch eine Schwarzfärbung des Eies bemerkbar.
In Wirklichkeit ist die Eischale jedoch transparent, was das Ei schwarz färbt
ist die fertig entwickelte Raupe im Inneren. Sie durchbeißt, beginnend am Oberpol,
die Schale und zwängt sich heraus. Als erste wichtige Mahlzeit wird
anschließend auch die restliche Eischale verzehrt. |
Reste ("Bodenplatte") der von der Raupe verzehrten Eischale |
Segelfalter-Jungraupe (L1, d.h. in der 1. Raupenhaut) |
Die Jungraupe (L1) ist
schwarz mit kleinen hellgelben Sattelflecken. Sie sitzt auf der Blattoberseite
und ist hier relativ leicht zu entdecken. Ihre Färbung imitiert Schmutzpartikel
oder Vogelkot. |
Nach der 1. Häutung (L2) ändern sich ihre Erscheinung und
Überlebensstrategie. Sie nimmt jetzt nämlich einen perfekt zur Blattfärbung
passenden Grünton an. Immer in Längsrichtung mittig auf dem Blatt sitzend
imitiert sie mit ihrem hellen Rückenstreifen sogar die Blattmittelrippe und ist
in diesem Stadium fast unsichtbar. Wenn überhaupt, so fallen die Raupen jetzt
höchstens durch ihre in der Sonne silbrig glänzenden Sitzpolster auf, die sie
auf einzelnen Blättern mit ihren Spinnfäden anlegen. Diese Sitzpolster sind
oft auch dann noch zu finden, wenn Meisen oder andere Fressfeinde die Raupe
schon vertilgt haben. |
L2-Raupe des Segelfalters |
ausgewachsene Segelfalterraupe |
Die erwachsene Raupe
hingegen entwickelt eine Größe, mit der sie auf einem Blatt sitzend zu auffällig wäre.
Sie sucht sich daher einen Sitzplatz auf einem Ästchen, auf dem sie durch die sich in diesem
Stadium entwickelnden braunen Flecken ihrer Haut wiederum ausreichend getarnt ist. Teilweise
verraten sich erwachsene Raupen durch ihren großen Appetit, der dazu führt, dass einzelne
Schlehenzweige völlig kahl gefressen werden. |
Gegen August,
einen Tag bevor die Raupe einen Verpuppungsplatz sucht, nimmt sie keine Nahrung mehr auf. Während
sie auf ihrem Sitzplatz ausharrt und den Darm durch Abgabe schleimiger Kotreste entleert, nimmt sie
eine gleichmäßig hellgelbe Farbe an. Sie verlässt nachts den Fraßbusch, um sich nach einer
teils beachtlichen Wanderstrecke an einer geeigneten Unterlage anzuspinnen und einen Gürtelfaden
um ihren Körper zu spinnen. Die in der Literatur häufig plakativ dargestellte Verpuppung an
Zweigen der Futterpflanze entspricht nach meinen Beobachtungen nicht den natürlichen
Gewohnheiten, Fotos dieser Art sind vermutlich in Gefangenschaft angefertigt worden. Zu
auffällig wäre nämlich die hellbeige Puppe auf der dunkelbraunen Rinde z.B. des
Schlehdorns. Von den von mir im Freiland beobachteten Raupen hat sich keine auf einer solchen
Unterlage verpuppt. Wenn auch selten, so habe ich bisher alle Puppen bodennah in vertrockneten
strohgelben und damit wieder farblich passenden Grashorsten z.B. des Bewimperten Perlgrases
(Melica ciliata) oder anderen Pflanzen der Krautschicht gefunden. Nur hier ist die
Puppe gut getarnt, erst recht wenn im Herbst das abgefallene hellbraune Schlehenlaub ihre Kontur
auflöst. Die Gürtelpuppe, so benannt wegen ihres gürtelförmig um den Körper
geschlungenen Haltefadens, überwintert. |
Segelfalterraupe kurz vor der Verpuppung |
Um den Segelfalter zu schützen,
bedarf es primär der Erhaltung des Lebensraumes seiner Raupen: einzeln
stehende Krüppelschlehen auf karg bewachsenen Felsfluren und Abraumhalden oder
in offen gelassenen Steinbrüchen. |
Schafbeweidung macht sich auch
hier günstig bemerkbar. Zum einen wird aufkommender Unterwuchs von den Schafen
kurz gehalten, Gräser und Kräuter verstellen ablegenden Weibchen nicht die
Anflugmöglichkeiten, der Boden kann sich schneller erwärmen. Zum anderen führt
der Verbiss an den Schlehenbüschen zur Ausbildung von niedrig wachsenden
Krüppelschlehen mit bodennahen horizontal ausladenden Ästen, die für die Raupen
ein optimales Mikroklima bieten. |
Keinesfalls dürfen
geeignete Biotope aufgeforstet werden. Auch einer Verbuschung im Rahmen der natürlichen
Sukzession muss entgegengewirkt werden. Einzeln in günstigen Biotopen stehende
Schlehen müssen natürlich bei Entbuschungsaktionen unbedingt ausgespart werden.
Dort wo horizontalwüchsige Schlehenzweige durch aufkommende Gräser nicht mehr
völlig frei stehen oder bereits zugewachsen sind, muss die Krautschicht entweder
ausgeharkt oder mit einer Sichel gekürzt werden. Der Stammbereich der
Schlehenbüsche sollte davon allerdings ausgespart bleiben, da in den dort
wachsenden Grashorsten und Kräutern die Verpuppung stattfindet. Vertikal
wachsende Schlehentriebe können mit der Gartenschere ausgedünnt werden. |
Da die Falter gute und schnelle
Flieger sind und weit umhervagabundieren, empfiehlt sich der Nachweis eines
Segelfaltervorkommens und geeigneter Biotope anhand der ortsständigen
Präimaginalstadien. Günstigster Zeitpunkt hierfür ist der Mai. Zum einen sind
frisch abgelegte Eier und Jungraupen jetzt bedeutend leichter zu finden als
später die (halb-)erwachsenen Tiere, zum anderen haben zu dieser Zeit
Fressfeinde die Population noch nicht wesentlich dezimiert und auch kleinere
Vorkommen können noch hinreichend sicher erfasst werden. Um den von Jahr zu
Jahr um einige Tage bis Wochen variierenden günstigsten Zeitpunkt für eine
solche Nachsuche zu ermitteln, sollte in einem bekannten Biotop immer erst der
Entwicklungsstand der Population überprüft und das Auge geschult werden, bevor
andere Biotope abgesucht werden. |
ruhender Segelfalter beim Sonnenbad |