Die Hofdame (Hyphoraia aulica L. 1758)

(Rote Liste Bayern: Gefährdungsgrad 2)

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Die Hofdame ist ein unverwechselbarer kleiner Bärenspinner. Bis in die 80er Jahre konnte er in unserem Landkreis beobachtet werden, ist seither jedoch verschollen. Die Art kommt nur lokal auf trockenen sonnigen Flächen mit nur lückiger Vegetation (Ödländereien) vor, wo ein besonders warmes Mikroklima die Entwicklung der Raupen begünstigt. Ihre verborgene Lebensweise macht eine Bestandsgefährdung durch Sammler eher unwahrscheinlich. Wie so viele andere Arten, ist auch dieser Falter hauptsächlich durch den Verlust seines Lebensraumes gefährdet. In der Roten Liste ist die Hofdame als "stark gefährdete Art" aufgeführt.

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Männchen der Hofdame
Die Falter erscheinen etwa im letzten Maidrittel. Die Männchen sind tagsüber aktiv, besonders zwischen 10:00 und 12:00 Uhr vormittags und erneut am späten Nachmittag. Insbesondere während der Vormittagsstunden starten sie ihre Suchflüge nach den Weibchen, um diese zu begatten. Sie finden die Weibchen über Sexuallockstoffe (Pheromone), die sie mit den nur bei Männchen gefächerten Fühlern wahrnehmen.
Die nachtaktiven Weibchen sitzen zu dieser Zeit ruhend im Gras. Ihr von einigen Hundert Eiern prall gefüllter Hinterleib hängt dabei oft schwer zwischen den Flügeln hindurch nach unten. Über eine Drüse am Hinterleibsende verströmen die unbegatteten Weibchen einen Sexuallockstoff, welcher die paarungsbereiten Männchen punktgenau heranführt. Die zu dieser Zeit recht trägen weiblichen Falter sind jetzt in besonderem Maße durch Fressfeinde gefährdet. Allerdings ist ihr offen dargestellter Hinterleib mit seiner schwarz-gelben Streifung dem Körper einer Wespe nicht unähnlich und schreckt durch diese Mimikry zahlreiche Feinde ab.
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paarungsbereites Weibchen in der niedrigen Vegetation
Die Eier, pro Weibchen ca. 400-500 Stück, werden in Spiegeln von 50-100 Eiern an die Unterseite überhängender Blätter abgelegt. Als Ablagepflanzen kommen vermutlich verschiedene krautige Pflanzen der Magerrasen in Frage, ein Freilandnachweis liegt z.B. für Knautia arvensis vor. Bei der Eiablage werden Pflanzen, die in einem besonders warmen Mikroklima wachsen, bevorzugt, wie z.B. solche auf nur spärlich bewachsenem Magerrasen oder in Kalkschotter.
Nach ca. 10 Tagen schlüpfen die winzigen Jungraupen aus. Ihr nur sehr geringes Gewicht und ihre lange Behaarung bieten dem Wind eine große Angriffsfläche. Vermutlich erfolgt so ein Verdriften der Art, was für die Verbreitung nicht unwichtig sein dürfte. Ferner bietet das lange Haarkleid wohl auch einen gewissen Schutz vor Fressfeinden, die es schwer haben dürften, die Räupchen zu packen und bis zum verletzlichen Körper selbst durchzudringen. Die Tierchen leben sehr verborgen und verstecken sich tagsüber unter den Blättern der Futterpflanzen oder in der Bodenvegetation. Sie zeichnen sich durch eine rege Spinntätigkeit aus und kleiden ihren Unterschlupf oft mit einem dichten Gespinst aus. Insbesondere während der Häutungen setzen sich die Raupen in den so ausgekleideten kleinen Höhlen in der bodennahen Vegetation tagelang fest, verschließen diese Höhlen mit ihren Spinnfäden und sind während dieser vulnerablen Phase zum einen gut versteckt und in ihrer Gespinsthöhle auch relativ geschützt vor Fressfeinden.
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Raupe von H. aulica vor der Überwinterung
Die Entwicklung der Raupen geht relativ langsam vonstatten. Bis zur Überwinterung häuten sie sich ca. 6 x und besitzen dann ein schwarzes Haarkleid mit dem für sie typischen Büschel langer Haare am Ende des Körpers. Der verlängerte anale Haarbüschel zeigt sich bereits nach der 2. Häutung. Es ist daher falsch, dass überwinterungsreife Tiere an dieser Haarbürste zu erkennen sind. Allerdings ist diese anfangs weit weniger auffällig ausgeprägt und voluminös als bei der dann überwinternden Raupe. Eine mögliche Unterscheidung des Überwinterungsstadiums stellt die Kopfkapsel dar: Sie ist vor der Überwinterung rötlichbraun, in den Stadien nach der Überwinterung schwarz, bei den überwinternden Raupen selbst (L7) dagegen braun-schwarz, etwa eine Mischfarbe zwischen den anderen genannten. Zur Überwinterung verkriechen sich die Tiere im Spätherbst in den an ihren Vorkommensorten oft üppig wachsenden rötlichen Moosen und Erdflechten, ein weiteres Merkmal passender aulica-Biotope. Auf der Suche nach diesen Überwinterungsquartieren sind die Raupen in manchen Jahren recht häufig zu beobachten und die Art dann bequem nachzuweisen. Allerdings unterliegt aulica einem starken jahrweisen Massenwechsel, bedingt zum einen durch den Pilz Empusa aulicae, zum anderen durch eine parasitische Brackwespen-Art (Braconidae spec.). Von dem in den 80er Jahren beobachteten, dadurch bedingten starken Rückgang scheint sich die Art derzeit wieder zu erholen, sie wurde mancherorts wieder zahlreich gefunden.
Die Raupen fressen während milder Witterungsphasen auch während des Winters, zum Teil wohl auch die Moose und Flechten, in denen sie überwintern. Auch andere trockene Pflanzenteile werden, auch während der gesamten Entwicklung, verzehrt. Sobald der Schnee schmilzt werden die Tiere wieder richtig aktiv, verlassen bei Sonnenschein ihre Überwinterungsquartiere und sind dann erneut für kurze Zeit zu finden. Wenn jedoch die Temperaturen milder werden und der Boden nicht mehr gefroren ist, verkriechen sich die Tiere tagsüber tief in die Vegetation und sind dann nicht mehr zu entdecken. Diese verborgene Lebensweise, der bereits erwähnte jahrweise Massenwechsel und die relativ unscheinbaren kleinen Falter gestalten eine Bestandsaufnahme der Art schwierig. Ein Nachweis erscheint am erfolgversprechendsten während der nur kurzen Phasen verstärkter Wanderaktivität der Raupen im Spätherbst und Spätwinter.
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erwachsene Raupe von H. aulica
Nach der Überwinterung häuten sich die schwarzen Raupen noch 2-3 x. Sie überwintern also nicht ,wie z.B. von Weidemann behauptet, als erwachsene Tiere. Sie fressen zahlreiche krautige Pflanzen, darunter Knautia, Hieracium, Euphorbia, Achillea und Taraxacum. Das vorletzte Raupenkleid zeichnet sich durch einen rostroten Seitenstreifen aus. Die Raupen der letzten Haut sind durch rostrot gefärbte Haare des Vorderendes gekennzeichnet, welche nach kaudal allmählich in die schwarze Grundfarbe übergehen. Sie verpuppen sich in einem bodennahen Gespinst zwischen Moosen und Pflanzenmaterial. Die Falter schlüpfen 2-3 Wochen später während der Morgenstunden. Sie nehmen keine Nahrung mehr zu sich und sind daher bestrebt, möglichst schnell einen Geschlechtspartner zu finden, um das Überleben der Art zu sichern. Männliche Falter sterben relativ rasch nach etwa einer Woche ab, Weibchen leben etwa 3-4 x so lange und verteilen während dieser Lebensspanne einige Hundert Eier in ihrem Fluggebiet. Ihr Aktionsradius wächst in dem Maße, in dem sie ihre Eilast ablegen. Gegen Ende der Legephase werden also unter Umständen auch neue Habitate besiedelt.

ein Beitrag von Andreas Haller, Ingolstadt (erstellt am 18.08.2001)