Nach Weidemann (1985) findet man E. eumedon meist dort, wo die Bewirtschaftung nasser Wiesen aufgegeben wurde, denn nach Ausbleiben der Mahd finden sich schnittempfindliche Pflanzen wie das Mädesüß (Filipendula ulmaria) ein und verdrängen durch Höherwüchsigkeit und Beschattung die typischen Wiesenpflanzen. Allerdings verschwindet E. eumedon mit fortschreitender Sukzession wieder aus diesen Flächen, wenn die Bewirtschaftung vollständig ausbleibt. Gefährdet ist diese Art vor allem durch die Kleinräumigkeit der Standorte und die Intensivierung in der Landwirtschaft (Ebert & Rennwald 1991, Settele et al. 1999, Weidemann1995). Durch Trockenlegung und Aufforstung gehen viele Standorte verloren. Aber auch die Verwendung von Spritzmitteln, starke Düngung und intensive Mahd sind der Art abträglich. Zum Erhalt der Art sollten die letzten Vorkommen geschützt und gegen Störung gesichert werden (Ebert & Rennwald 1991). Die Begrenztheit der Habitate bedingt einerseits eine gewisse Empfindlichkeit gegenüber Störeinflüsse, ermöglicht aber auch gute Erfolgsaussichten bei kleinräumigen Schutzmaßnahmen (Settele et al. 1999).
Die Suche nach Raupen im Frühjahr (10.5.00) verlief ergebnislos, d.h. es konnten weder Raupen, noch die typischen Fraßspuren an Geranium palustre gefunden werden. Im Kontrollgebiet der Nördlichen Frankenalb waren zumindest drei durch Befressen des Blattstiels dachziegelartig zusammengefallene Blätter zu finden, wenn auch die verursachenden Raupen selbst nicht aufzufinden waren. Zu diesem Zeitpunkt war das Schilf auf allen (unterschiedlich gemähten) Teilflächen der Untersuchungsfläche noch relativ niedrig und die reichlich vorhandenen und für diesen Zeitpunkt gut entwickelten Geranium-Pflanzen konnten leicht abgesucht werden.
Bis zum zweiten Erfassungstermin (19.6.00) konnte sich der Geranium-Bestand nur wenig weiterentwickeln, da er vom dichten und hochwüchsigen Schilf überwuchert wurde. Nur vergleichsweise wenige Geranium-Pflanzen hatten Blüten entwickelt, meist konnte nicht einmal ein Knospenansatz festgestellt werden. Dies galt für alle unterschiedlich gemähten Teilflächen gleichermaßen. Auf einer benachbarten Vergleichsfläche waren die Pflanzen deutlich größer, kräftiger und blühten reichlicher. Insgesamt wurden am 19.6.00 auf der Untersuchungsfläche 54 Blüten (mehr waren zu diesem Zeitpunkt nicht vorhanden) nach Eiern von E. eumedon abgesucht (siehe Tabelle 1). Auffallend ist im Vergleich zur benachbarten Vergleichsfläche (siehe Tabelle 2), dass ein großer Anteil der Blüten (57 %) doppelt und mehrfach belegt wurde. Im Extremfall konnten 9 Eier in einer Blüte gefunden werden. Die Geranium-Bestände der benachbarten Vergleichsfäche (mit 66 untersuchten Blüten, hier waren noch weitere vorhanden) wiesen dagegen seltener (17 %) Doppel- bzw. Mehrfachbelegungen auf. Des weiteren gab es auf der Vergleichsfläche sehr häufig (36 %) unbelegte Blüten, was auf der eigentlichen Untersuchungsfläche kaum vorkam (11 %). Diese Ergebnisse deuten an, dass es den Weibchen von E. eumedon auf der Untersuchungsfläche an Eiablagesubstrat mangelt, denn normalerweise wird nur ein Ei pro Blüte abgelegt (Weidemann 1995). Auch die während des Erfassungszeitraumes beobachteten zwei Weibchen legten bei den Eiablagen jeweils nur ein Ei ab. Die Mehrfachbelegungen der Blüten stammen vermutlich sowohl von verschiedenen Tieren als auch von einem Weibchen, das im seiner Lebenszeit ein und dieselbe Blüte (notgedrungen) mehrfach besuchte. Allerdings werden auch immer wieder direkt nebeneinander plazierte Eier gefunden, die auf eine Ablage während eines Eiablageereignisses hindeuten.
Zum Erfassungstermin am 6. Juli 2000 war das Schilf übermannshoch, und die Geranium-Pflanzen hatten sich bis zur Blühreife weiterentwickelt. Im Gegensatz zur vorherigen Aufnahme am 19. Juni 2000 war das Blütenangebot auf der Untersuchungsfläche reichlicher, so dass innerhalb von nur einer Stunde insgesamt 151 Blüten nach Eiern abgesucht werden konnten. Betrachtet man die Verteilung der Eiablage an den unterschiedlich alten Blüten (siehe Tabelle 3), so fällt auf, dass die frischen Blüten nicht mehr „überbelegt“, sondern in der Mehrheit (92 %) gar nicht belegt sind oder allenfalls ein Ei beherbergen. Ältere Blüten, v.a. Blüten mit Fruchtansatz waren häufiger auch mit zwei oder mehr Eiern besetzt (8 % der verblühten Blüten und 40 % der Blüten mit Fruchtansatz). Dies bedeutet, dass der anfängliche Mangel an Eiablagesubstrat nun mit der verzögerten Blütenentwicklung der G.-palustre-Pflanzen nicht mehr akut ist.
Tabelle 1: Anzahl Eier pro Blüte auf der Untersuchungsfläche aufgetrennt nach blühenden, gerade verblühten und im Fruchtansatz befindlichen Geranium-palustre-Blüten. Erfassungsdatum: 19.6.00.
| Status der Blüte | Anzahl Eier pro Blüte | |||||||||||||
| 0 | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | |||||
| blühend | 4 | 12 | 7 | 4 | 2 | - | 1 | 1 | - | - | ||||
| gerade verblüht | 2 | 2 | 6 | 2 | 4 | 1 | - | - | - | - | ||||
| verblüht mit Fruchtansatz | - | 3 | - | - | 1 | 1 | - | - | - | 1 | ||||
| Summe: 54 Blüten | 6 | 17 | 13 | 6 | 7 | 2 | 1 | 1 | 0 | 1 | ||||
Tabelle 2: Anzahl Eier pro Blüte auf der Vergleichsfläche aufgetrennt
nach blühenden, gerade verblühten und im Fruchtansatz befindlichen Geranium-palustre-Blüten.
Erfassungsdatum: 19.6.00.
*: mindestens 3 Eier davon taub.
| Status der Blüte | Anzahl Eier pro Blüte | |||||||||||||
| 0 | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | |||||
| blühend | 9 | 20 | 5 | 2 | - | - | 1* | - | - | - | ||||
| gerade verblüht | 6 | 10 | 3 | - | - | - | - | - | - | - | ||||
| verblüht mit Fruchtansatz | 9 | 1 | - | - | - | - | - | - | - | - | ||||
| Summe: 66 Blüten | 24 | 31 | 8 | 2 | 0 | 0 | 1 | 0 | 0 | 0 | ||||
Tabelle 3: Anzahl Eier pro Blüte auf der Untersuchungsfläche aufgetrennt nach blühenden, gerade verblühten und im Fruchtansatz befindlichen Geranium-palustre-Blüten. Erfassungsdatum: 6.7.00.
| Status der Blüte | Anzahl Eier pro Blüte | |||||||||||||
| 0 | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | |||||
| blühend | 56 | 5 | - | - | - | - | - | - | - | - | ||||
| gerade verblüht | 42 | 18 | 2 | 2 | - | - | - | 1 | - | - | ||||
| verblüht mit Fruchtansatz | 7 | 8 | 7 | 3 | - | - | - | - | - | - | ||||
| Summe: 151 Blüten | 105 | 31 | 9 | 5 | 0 | 0 | 0 | 1 | 0 | 0 | ||||
Im Frühjahr konnten auf der Untersuchungsfläche keine Raupen nachgewiesen werden. Eventuell wurden die Raupen durch die Mahd und das Wegräumen des Schnittgutes im Vorjahr fast vollständig von der Fläche entfernt, so dass die Raupendichte unter der Nachweisgrenze lag. Der Schnittzeitpunkt Ende Juli fällt in die Zeit, zu der sich die jungen Raupen noch im Fruchtknoten der Geranium-Blüten aufhalten bzw. noch nicht in den Boden zur Überwinterung zurückgezogen haben. Daher besteht die Gefahr, dass bei einer Mahd zu diesem Zeitpunkt die meisten Raupen von der Fläche entfernt werden. Auch in dem Bereich, der erst Ende September gemäht wurde, konnten im Frühjahr keine Raupen gefunden werden. Da jedoch auch auf der Kontrollfläche der Nördlichen Frankenalb nur wenige Fraßspuren und keine Raupen nachgewiesen werden konnten, können aus diesen Beobachtungen keine weiteren Schlußfolgerungen gezogen werden.
Im Juni/Juli des Jahres konnten dennoch Eier in den Blüten des Storchschnabels auf der Untersuchungsfläche nachgewiesen werden. Auch wenn die im Vorjahr durchgeführte Mahd nicht förderlich für E. eumedon gewesen sein sollte, so handelt es sich doch nur um eine relativ kleine Teilfläche der flussbegleitenden Vegetation, die von Tieren aus den umliegenden Flächen leicht wieder besiedelt werden kann. Es besteht demnach derzeit noch keine für die Art bestandsbedrohende Situation durch das Mahdregime. Allerdings handelt es sich bei der Untersuchungsfläche um einen Bereich, der eine hohe Bedeutung für die Gesamtpopulation hat (Dolek & Geyer 1996) und daher mit besonderer Vorsicht zu behandeln ist. Die Ergebnisse der Suche nach Eiern von E. eumedon zeigen deutlich, dass zu Beginn der Flugzeit dieser Art auf der Untersuchungsfläche ein Mangel an Eiablagesubstrat herrschte. Dies äußerte sich in der hohen Eizahl pro Blüte, wie sie auf der Vergleichsfläche nicht erreicht wurde. Die Ursache dafür liegt vermutlich darin, dass das relativ dicht stehende Schilf die Entwicklung von G. palustre unterdrückt. Der Storchschnabel auf der Untersuchungsfläche kommt im Vergleich zu Pflanzen auf schilfarmen Flächen erst relativ spät zum Blühen. Aus diesem Grund geht die Synchronisation der Blütezeit von G. palustre mit der Flugzeit von E. eumedon verloren, so dass die Weibchen zu Beginn ihrer Flugzeit nur wenig Blüten zur Eiablage vorfinden. Erst später im Jahr entspannt sich die Situation wieder, wenn der Storchschnabel in seiner Entwicklung aufgeholt hat und Blüten ausbildet. Dies ist erkennbar daran, dass zu dem zweiten Erfassungstermin Anfang Juli die Mehrheit der frisch geöffneten Blüten unbelegt war und es keine doppelten oder mehrfachen Eiablagen in eine Blüte gab. Hier deutet sich insgesamt das schon häufig bei den phytophagen Schmetterlingsarten beobachtete Phänomen an, dass die Futterpflanzen ungünstiger werdende Bedingungen weit länger überleben können als die spezifischen Schmetterlinge, da deren Präimaginalstadien bestimmte, genau definierte Bedingungen benötigen.
Zur Förderung und zum Schutz von E. eumedon ist auf der Untersuchungsfläche das Schilf zurückzudrängen, um wieder ein ausreichendes Angebot an Geranium-Blüten zu erhalten. Dabei ist zu beachten, dass Pflegemaßnahmen sowohl die Biologie von E. eumedon berücksichtigen müssen als auch die auf der Fläche vorkommenden anderen seltenen Arten (z.B. Orchideen-Arten und der Randring-Perlmuttfalter, Proclossiana eunomia) zu schützen sind. Auch diese Arten werden jedoch langfristig durch einen zu dichten Schilfbestand verdrängt.
Betrachtet man den Lebenszyklus des Storchschnabel-Bläulings, so wären zwei Mahdzeitpunkte im Jahr möglich. Zum einen im Frühsommer im Mai/Juni, wenn die Pflanzen noch keine Blüten ausgebildet haben. Eine Mahd zu diesem Termin erhält den Bläulingen ihr Eiablagesubstrat und Nahrungsgrundlage. Ein weiterer möglicher Mahdzeitpunkt wäre spät im Jahr ab September, wenn die Raupen sich bereits am Boden zur Überwinterung befinden.
Um das Schilf in seinem Bestand zurückzudrängen, empfiehlt sich eine ein- bis zweimalige Mahd, d.h. auch im Sommer, so dass die Pflanzen in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden (Stebler 1898, zit. nach Quinger et al. 1995). Kurzfristig (über 3 Jahre) konnte Gusewell (1998) jedoch noch keine Effekte der zusätzlichen Junimahd auf die Triebzahl und –größe von Schilf feststellen. Ein früher Mahdzeitpunkt würde jedoch auch die auf der Untersuchungsfläche vorhandenen Orchideen schädigen. Zum Schutz der Orchideen wäre der früheste Mahdtermin (Mitte/)Ende Juni möglich, wenn die Pflanzen bereits gefruchtet haben. Die Problematik eines geeigneten Pflegemanagements liegt in den unterschiedlichen Mahdzeitpunkten für einen optimalen Schutz der Orchideen und des Storchschnabel-Bläulings bzw. für das Rückdrängen des Schilfes. Letztendlich muss im Frühsommer ein Termin gefunden werden, der allen Ansprüchen genügt. Da auf der Untersuchungsfläche die Geranium-Pflanzen aufgrund der Beeinträchtigung durch das Schilf erst relativ spät im Frühjahr Blüten ausbilden, verschiebt sich der mögliche Mahdzeitpunkt vor der Blüte nach hinten in den Juni hinein. Am 19.6. diesen Jahres fingen gerade die ersten Geranium-Pflanzen an zu blühen; die meisten hatten noch keinen Blütentrieb ausgebildet. Die Orchideen waren zu diesem Zeitpunkt in ihrer Entwicklung weit fortgeschritten. Ein möglicher Mahdtermin wäre demnach Mitte Juni, wenn der Storchschnabel größtenteils noch nicht blüht und die Orchideen mehrheitlich ihre Fruchtbildung abgeschlossen haben. Der genaue Zeitpunkt ist auf die Entwicklung je nach Wetterlage im jeweiligen Jahr abzustimmen. Zu beachten ist, dass die Schnitthöhe hoch angesetzt wird, d.h. oberhalb der Blattrosetten des Sumpfstorchschnabels, damit diese direkt nach der Mahd Blüten ausbilden können und durch den Schnitt nicht geschädigt werden. Sollte sich dies z.B. aus technischen Gründen (oder weil sich die Entwicklung der Pflanzen in verschiedenen Jahren unterschiedlich gestaltet) nicht verwirklichen lassen, so besteht die Möglichkeit pro Jahr nur einen Teil der Untersuchungsfläche im Frühsommer zu mähen. Im gemähten Teil würden dann zwar sowohl die Orchideen als auch E. eumedon beeinträchtigt werden, aber es verbleibt noch genügend Restfläche für eine ungestörte Entwicklung dieser Arten. Diese Aufteilung würde auch allgemein eine zusätzliche Sicherheit für das Überleben empfindlicher Arten bieten. Im Herbst (ab Mitte September) sollte noch eine zweite Mahd erfolgen, um verschärft gegen den dichten Schilfbestand vorzugehen. Auch zu diesem zweiten Schnittzeitpunkt könnten die Jungraupen noch geschädigt werden, so dass die Mahd zumindest auf Teilflächen möglichst spät erfolgen sollte. Auch hier gibt es jedoch den Konflikt, dass die Schilfpflanzen noch geschädigt werden sollen, wozu ein früherer Schnittzeitpunkt im August günstiger wäre (Briemle 1987, zit. nach Quinger et al. 1995). Sobald der Schilfbestand zurückgedrängt ist, ist jedoch die regelmäßige herbstliche Mahd vermutlich ausreichend, um den offenen Zustand zu erhalten.
Alternativ zu der Mahd kann gegen den dichten Schilfbestand auch mit Rinderbeweidung vorgegangen werden, da zumindest Jungrinder auch bei spätem Auftrieb (im Juni) das junge Schilf bevorzugt befressen (Dolek & Geyer 1997), wobei noch nicht klar ist, ob das Schilf auch langfristig zurückgedrängt wird. Auch Gusewell (1998) beobachtete, dass die Beweidung eine schnell wirkende Kontrolle von Schilf bewirkt. Der Nährstoffentzug aus der Fläche ist jedoch allgemein durch die Mahd höher als durch Beweidung, so dass dieses Ziel nicht zu stark im Vordergrund stehen sollte. Vor allem der zusätzliche Junimahdtermin erbrachte bei Gusewell (1998) einen starken zusätzlichen Nährstoffentzug (mit dem Schilf 90% mehr N und 18 % mehr P). Bei der Beweidung ergibt sich auf der Untersuchungsfläche jedoch das Problem, dass durch den Tritt andere Pflanzen (z.B. Orchideen) geschädigt werden können und die geringe Größe der Fläche die Handhabung schwierig macht. Dies bezieht sich sowohl auf die landwirtschaftliche Handhabung (Auftrieb sehr weniger Tiere für sehr kurze Zeit) als auch auf die naturschutzfachlichen Auswirkungen, da Beweidung immer eine stärkere Zufallskomponente bezüglich der Intensität und der Verteilung der Einflußnahme beinhaltet. Da die Untersuchungsfläche aufgrund ihrer Artenausstattung von großer Bedeutung ist, wäre es hier weniger günstig mit der Beweidung zu experimentieren. Für eventuell wieder in die Nutzung bzw. Pflege kommende andere verschilfte Flächen im Tal, die derzeit keine hochwertige Artenausstattung haben und eine Verbesserung der Lebensraumausstattung angestrebt wird, könnte die Beweidung jedoch eine interessante Alternative darstellen.
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