Der Storchschnabelbläuling
(Eumedonia eumedon Esper 1780)

(Rote Liste Bayerns: Gefährdungsgrad 1)

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Der Storchschnabelbläuling ist eine weitere echte Rarität des Landkreises Eichstätt. Allerdings wurde der kleine unscheinbare Falter auch von Seiten des Naturschutzes längere Zeit so gut wie kaum beachtet. Dies änderte sich durch eine Bestandsaufnahme des örtlichen Tagfaltervorkommes, welches explizit auch auf den vom Aussterben bedrohten Bläuling hingewiesen hatte. Formal ist der Schmetterling in der Roten Liste Bayerns dem Gefährdungsgrad 1 zugeordnet und wird damit als stärker gefährdet angesehen als z.B. der Apollofalter. Da ein Großteil seines Verbreitungsgebietes im Landkreis Eichstätt auf von Pflegemaßnahmen betroffene Biotope entfällt, war es zwingend notwendig, die Auswirkungen von Zeitpunkt und Methodik dieser Maßnahmen auf den Schmetterlingsbestand zu überprüfen, um nicht Gefahr zu laufen, die Bläulingspopulation zu schädigen. Aus diesem Grunde wurde im Jahre 2000 die Fa. "Ökologische Forschung und Planung GEYER & DOLEK" mit der Erstellung eines entsprechenden Gutachtens beauftragt, welches in leicht angepasster Form auch im Schmetterlingsforum eingesehen werden kann: Link zum Gutachten. Darüberhinaus betrieben im Jahre 2001 einige aktive Mitglieder der Kreisgruppe Eichstätt Feldforschungen, deren Ergebnisse hier wiedergegeben werden sollen.

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zwei Falter des Storchschnabelbläulings
Männchen und Weibchen des Storchschnabelbläulings sind oberseits von dunkelbrauner Grundfarbe. Das Weibchen ist anhand seiner etwas größeren Flügelspannweite und einiger oranger Flecke am Hinterrand der Hinterflügeloberseite zu erkennen. Charakteristisch für die Art ist ein weißer "Wisch", der circa die Hälfte der Flügelunterseite durchzieht (nicht zu verwechseln mit dem Streifenbläuling Agrodiaetus damon, bei dem der weiße Streifen nahezu die gesamte Flügelbreite überbrückt).
In der Literatur wird der Storchschnabelbläuling als Verschiedenbiotopbewohner eingestuft (Weidemann, "Tagfalter", 1. Auflage, Band 1, S. 230), der sowohl an Naßstandorten mit Sumpfstorchschnabel als auch an Trockenstandorten in Blutstorchschnabel-Saumgesellschaften vorkommen soll. Im Landkreis Eichstätt wurde er bisher jedoch ausschließlich in Feuchtwiesen und bachbegleitenden Krautsäumen nasser Mädesüßfluren (Filipendulion) zusammen z.B. mit Brenthis ino und Maculinea nausithous beobachtet. Raupenfutterpflanze ist hier der Sumpfstorchschnabel (Geranium palustre).
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deutlich zu sehen: der "Wisch" auf der Flügelunterseite
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Ei des Storchschnabelbläulings am Blütengriffel
Die Flugzeit beginnt mit dem Erscheinen der ersten Storchschnabelblüten. An ihnen kann man zur gleichen Zeit Falter bei der Nektaraufnahme als auch bei der Eiablage beobachten. Die Eier werden an die Basis des Griffels im Blüteninneren abgelegt, jedoch nur solange die Blütenblätter entfaltet sind. Nie werden noch geschlossene Knospen oder Fruchtknoten deren Blütenblätter bereits abgefallen sind belegt. Dieses enge Zeitfenster von 1-2 Tagen Blütezeit jeder einzelnen Storchschnabelblüte und die damit verbundene relativ kurze Attraktivität für eierlegende Weibchen erscheint meines Erachtens ein wichtiges Regulativ, um eine Überbelegung zu vermeiden. Dazu jedoch später.
Nachdem der noch junge Fruchtknoten die Kronblätter abgeworfen hat, legen sich die äußeren Kelchblätter enger an. Sie verdecken dadurch das am Griffel angeheftete Ei, welches so verborgen in Ruhe heranreifen kann. Nach circa 10 Tagen schlüpft das Räupchen und bohrt sich unmittelbar in den Fruchtknoten ein. Gut verborgen entwickelt sich die Jungraupe in seinem Inneren und ernährt sich dabei von den Samenanlagen. Prinzipiell ist es während dieser Phase keinerlei Feinden ausgesetzt.
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Ei des Storchschnabelbläulings am Fruchtknoten des Sumpfstorchschnabels
Die einzige natürliche Gefahr für die Jungraupe dürfte während dieser Entwicklungsphase die Konkurrenz mit Artgenossen sein. Auffällig bei meinen Beobachtungen war nämlich, dass bereits Fruchtknoten die lediglich von einer einzigen Raupe befallen gewesen waren von dieser restlos ausgemulmt wurden. Wie also könnten sich dann noch weitere Räupchen von einem solchen Fruchtknoten ernähren? Es ist zu vermuten, dass Blüten, die mit zwei oder mehr Eiern belegt werden, den sich entwickelnden Raupen nicht ausreichend Futter bieten können. Ab einer gewissen "Überbelegung" bestünde die Gefahr, dass sich die Tiere gegenseitig die Nahrungsgrundlage entziehen und dann verhungern müssen. Das zuvor angesprochene enge Zeitfenster von kurzer Storchschnabelblüte und dadurch zeitlich begrenzter Attraktivität für die Eiablage scheint ein wichtiger Umstand zu sein, eine solch fatale Überbelegung zu vermeiden. Dieser Mechanismus greift allerdings dann nicht mehr, wenn in einem Biotop mehr eierlegende Weibchen unterwegs sind, als Blüten zur Verfügung stehen. Futter und Nahrungskonkurrenz begrenzen in einem solchen Fall eine weitere Erhöhung der Populationsdichte. Der Storchschnabelbläuling muss aus diesen Gründen den K-Strategen zugeordnet werden.
Die Zeit, während der die eumedon-Raupen in den Fruchtknoten des Storchschnabels leben, ist relativ kurz. So sind in befallenen Fruchtknoten, wenn sie braun werden und eintrocknen, keine Raupen mehr aufzufinden. Sie verlassen diesen vermutlich, wenn er noch grün und saftig ist, lassen sich wohl zu Boden fallen, wo sie nahe des Austriebs der Storchschnabelpflanzen ohne weitere Nahrungsaufnahme überwintern. Da dieser Vorgang noch nie beobachtet wurde, bleibt er jedoch rein spekulativ und Fragestellung für interessante Forschungsprojekte.
Erst im nächsten Frühjahr sind die dann noch kleinen eumedon-Räupchen wieder zu beobachten. Sie sitzen zunächst auf den gerade austreibenden Storchschnabelsprossen und nutzen die Wärme der Fühjahrssonne. Später werden gezielt die Blattstiele angenagt. Das dadurch geschwächte Blatt beginnt zu welken. Vormals aufgefächert, fällt es in sich zusammen wie ein abgespannter Regenschirm. Die Raupe verkriecht sich in das Innere dieses Blattschirmes und befrisst diesen, gut versteckt, bis er zu vertrocknet oder abgenagt ist, um dann auf die gleiche Weise ein neues Blatt zu befallen.
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befallener angewelkter Blattschirm
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eumedon-Raupe mit "ihrer" Ameise
Abgesehen von dieser verborgenen Lebensweise besitzen die eumedon-Raupen eine weitere effektive Schutzeinrichtung. Als myrmikophile Bläulingsart halten sich die Raupen eine regelrechte Schutztruppe von sie umsorgenden Ameisen. Der Sold für diesen Schutz ist ein zuckerhaltiges Sekret, welches die Raupen bei Betrillern durch die Ameisen aus speziellen Drüsen freisetzen. Durch diese Entlohnung scharen die Raupen ihre Schutztruppe so effektiv um sich, dass ich bisher keine einzige eumedon-Raupe ohne Ameisengarde angetroffen habe. Die Ameisen wiederum verteidigen ihre "Zuckerkühe" vor Raubwanzen und anderen Freßfeinden und verbessern so die Überlebenschance der Raupen.
Welche Schlüsse können nun für die Pflege, insbesondere für die Mahd von Feuchtwiesen mit Vorkommen des Storchschnabelbläulings gezogen werden? Der Blattaustrieb des Sumpfstorchschnabels ist relativ langstielig und wird bei der Mahd miterfaßt. Durch die spezielle "Vorbereitung" des Fraßblattes und der Einnistung der Raupe im selben ist es unwahrscheinlich, dass Raupen, die die Mahd überstanden haben, sich mit bodennah stehengebliebenen unentfalteten Blattsprossen zufrieden geben. Falls sie nicht in unmittelbarer Nähe ein voll ausgetriebenes Geranium-Blatt finden, werden sie wohl verenden müssen oder Opfer verschiedener Freßfeinde werden. Eine Wiesenmahd im Frühjahr erscheint daher ungünstig.
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durch Schilf verdrängter Sumpfstorchschnabel
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Gemähter Wegrand: Storchschnabel mit Eiern und Raupen wurde vernichtet!
Katastrophale Auswirkungen hätte jedoch ein Schnitt zum Zeitpunkt der Eiablage (entspricht der Hauptblütezeit des Sumpfstorchschnabels) bzw. in der Phase des "Fruchtknotenfraßes". Die Tiere haben während dieser Zeit keine Möglichkeit einen neuen Fruchtknoten zu finden bzw. zu befallen und sterben mit dem abgemähten Stengel ab. Aus diesem Grunde sollte eine Wiesenmahd bei Auffinden von befallenen Fruchtknoten ebenfalls strikt vermieden werden.
Befallene Fruchtknoten sind sehr leicht zu erkennen. Der "Schnabel", der sich aus bestäubten Storchschnabelblüten bildet, wächst nämlich bei unbefallenen Fruchtknoten gestreckt und gerade. Durch das Einbohren und den einseitig beginnenden Fraß der Jungraupe krümmt sich dagegen der "Schnabel" befallener Fruchtknoten wie eine Banane in Richtung der Eindringstelle, zeigt quasi auf seinen Eindringling. Solange derart geformte Storchschnabelfruchtknoten grün und saftig erscheinen, muss mit der Mahd zugewartet werden, da die Raupen zu dieser Zeit noch in seinem Inneren fressen. Nach wenigen Wochen jedoch trocknen die Fruchtknoten, ohne Samen entwickelt zu haben, ein. Ab jetzt kann die Wiese ohne Schädigung der eumedon-Population bis zum Neuaustrieb der Pflanzen im nächsten Jahr gemäht werden. Nach meiner Beobachtungen dürfte dies ab der ersten Augustwoche der Fall sein, zu einer Zeit, zu der auch die auf den Feuchtwiesen meist ebenfalls anzutreffenden Orchideen-Arten ausgesamt haben und den Schnitt daher ebenfall unbeschadet überstehen können.
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unbefallener, gerader Storchschnabel-Fruchststand

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befallener und dadurch gekrümmter Storchschnabel-Fruchtstand

ein Beitrag von Andreas Haller, Ingolstadt (erstellt 08/2001)