zwei Falter des Storchschnabelbläulings |
Männchen und Weibchen
des Storchschnabelbläulings sind oberseits von dunkelbrauner Grundfarbe. Das Weibchen ist anhand seiner etwas
größeren Flügelspannweite und einiger oranger Flecke am Hinterrand der Hinterflügeloberseite zu
erkennen. Charakteristisch für die Art ist ein weißer "Wisch", der circa die Hälfte der Flügelunterseite durchzieht
(nicht zu verwechseln mit dem Streifenbläuling Agrodiaetus damon, bei dem der weiße Streifen nahezu die
gesamte Flügelbreite überbrückt).
|
In der Literatur
wird der Storchschnabelbläuling als Verschiedenbiotopbewohner eingestuft (Weidemann, "Tagfalter",
1. Auflage, Band 1, S. 230), der sowohl an Naßstandorten mit Sumpfstorchschnabel als auch an
Trockenstandorten in Blutstorchschnabel-Saumgesellschaften vorkommen soll. Im Landkreis Eichstätt
wurde er bisher jedoch ausschließlich in Feuchtwiesen und bachbegleitenden Krautsäumen nasser
Mädesüßfluren (Filipendulion) zusammen z.B. mit Brenthis ino und Maculinea nausithous
beobachtet. Raupenfutterpflanze ist hier der Sumpfstorchschnabel (Geranium palustre). |
deutlich zu sehen: der "Wisch" auf der Flügelunterseite |
Ei des Storchschnabelbläulings am Blütengriffel |
Die
Flugzeit beginnt mit dem Erscheinen der ersten Storchschnabelblüten. An ihnen kann man zur gleichen
Zeit Falter bei der Nektaraufnahme als auch bei der Eiablage beobachten. Die Eier werden an die
Basis des Griffels im Blüteninneren abgelegt, jedoch nur solange die Blütenblätter entfaltet sind.
Nie werden noch geschlossene Knospen oder Fruchtknoten deren Blütenblätter bereits abgefallen sind
belegt. Dieses enge Zeitfenster von 1-2 Tagen Blütezeit jeder einzelnen Storchschnabelblüte und die
damit verbundene relativ kurze Attraktivität für eierlegende Weibchen erscheint meines Erachtens
ein wichtiges Regulativ, um eine Überbelegung zu vermeiden. Dazu jedoch später. |
Nachdem der noch junge Fruchtknoten
die Kronblätter abgeworfen hat, legen sich die äußeren Kelchblätter enger an. Sie verdecken dadurch
das am Griffel angeheftete Ei, welches so verborgen in Ruhe heranreifen kann. Nach circa 10 Tagen
schlüpft das Räupchen und bohrt sich unmittelbar in den Fruchtknoten ein. Gut verborgen entwickelt sich
die Jungraupe in seinem Inneren und ernährt sich dabei von den Samenanlagen. Prinzipiell ist es während
dieser Phase keinerlei Feinden ausgesetzt. |
Ei des Storchschnabelbläulings am Fruchtknoten des Sumpfstorchschnabels |
Die einzige natürliche Gefahr
für die Jungraupe dürfte während dieser Entwicklungsphase die Konkurrenz mit Artgenossen sein.
Auffällig bei meinen Beobachtungen war nämlich, dass bereits Fruchtknoten die lediglich von einer einzigen
Raupe befallen gewesen waren von dieser restlos ausgemulmt wurden. Wie also könnten sich dann
noch weitere Räupchen von einem solchen Fruchtknoten ernähren? Es ist zu vermuten, dass Blüten, die
mit zwei oder mehr Eiern belegt werden, den sich entwickelnden Raupen nicht ausreichend Futter
bieten können. Ab einer gewissen "Überbelegung" bestünde die Gefahr, dass sich die Tiere gegenseitig
die Nahrungsgrundlage entziehen und dann verhungern müssen. Das zuvor angesprochene enge Zeitfenster
von kurzer Storchschnabelblüte und dadurch zeitlich begrenzter Attraktivität für die Eiablage scheint
ein wichtiger Umstand zu sein, eine solch fatale Überbelegung zu vermeiden.
Dieser Mechanismus greift allerdings dann nicht mehr, wenn in einem Biotop mehr eierlegende
Weibchen unterwegs sind, als Blüten zur Verfügung stehen. Futter und Nahrungskonkurrenz begrenzen
in einem solchen Fall eine weitere Erhöhung der Populationsdichte. Der Storchschnabelbläuling muss
aus diesen Gründen den K-Strategen zugeordnet werden. |
Die Zeit, während der die
eumedon-Raupen in den Fruchtknoten des Storchschnabels leben, ist relativ kurz. So sind in befallenen
Fruchtknoten, wenn sie braun werden und eintrocknen, keine Raupen mehr aufzufinden. Sie verlassen diesen
vermutlich, wenn er noch grün und saftig ist, lassen sich wohl zu Boden fallen, wo sie nahe des Austriebs der
Storchschnabelpflanzen ohne weitere Nahrungsaufnahme überwintern. Da dieser Vorgang noch nie beobachtet wurde,
bleibt er jedoch rein spekulativ und Fragestellung für interessante Forschungsprojekte. |
Erst im nächsten
Frühjahr sind die dann noch kleinen eumedon-Räupchen wieder zu beobachten. Sie sitzen
zunächst auf den gerade austreibenden Storchschnabelsprossen und nutzen die Wärme der Fühjahrssonne.
Später werden gezielt die Blattstiele angenagt. Das dadurch geschwächte Blatt beginnt zu welken.
Vormals aufgefächert, fällt es in sich zusammen wie ein abgespannter Regenschirm. Die Raupe verkriecht sich
in das Innere dieses Blattschirmes und befrisst diesen, gut versteckt, bis er zu vertrocknet oder
abgenagt ist, um dann auf die gleiche Weise ein neues Blatt zu befallen. |
befallener angewelkter Blattschirm |
eumedon-Raupe mit "ihrer" Ameise |
Abgesehen von
dieser verborgenen Lebensweise besitzen die eumedon-Raupen eine weitere effektive
Schutzeinrichtung. Als myrmikophile Bläulingsart halten sich die Raupen eine regelrechte
Schutztruppe von sie umsorgenden Ameisen. Der Sold für diesen Schutz ist ein zuckerhaltiges Sekret,
welches die Raupen bei Betrillern durch die Ameisen aus speziellen Drüsen freisetzen. Durch
diese Entlohnung scharen die Raupen ihre Schutztruppe so effektiv um sich, dass ich bisher keine
einzige eumedon-Raupe ohne Ameisengarde angetroffen habe. Die Ameisen wiederum verteidigen
ihre "Zuckerkühe" vor Raubwanzen und anderen Freßfeinden und verbessern so die Überlebenschance
der Raupen. |
Welche Schlüsse
können nun für die Pflege, insbesondere für die Mahd von Feuchtwiesen mit Vorkommen des Storchschnabelbläulings gezogen
werden? Der Blattaustrieb des Sumpfstorchschnabels ist relativ langstielig und wird bei der Mahd miterfaßt.
Durch die spezielle "Vorbereitung" des Fraßblattes und der Einnistung der Raupe im selben ist es
unwahrscheinlich, dass Raupen, die die Mahd überstanden haben, sich mit bodennah stehengebliebenen
unentfalteten Blattsprossen zufrieden geben. Falls sie nicht in unmittelbarer Nähe ein voll
ausgetriebenes Geranium-Blatt finden, werden sie wohl verenden müssen oder Opfer verschiedener
Freßfeinde werden. Eine Wiesenmahd im Frühjahr erscheint daher ungünstig. |
durch Schilf verdrängter Sumpfstorchschnabel |
Gemähter Wegrand: Storchschnabel mit Eiern und Raupen wurde vernichtet! |
Katastrophale
Auswirkungen hätte jedoch ein Schnitt zum Zeitpunkt der Eiablage (entspricht der Hauptblütezeit
des Sumpfstorchschnabels) bzw. in der Phase des "Fruchtknotenfraßes". Die Tiere haben während
dieser Zeit keine Möglichkeit einen neuen Fruchtknoten zu finden bzw. zu befallen und sterben
mit dem abgemähten Stengel ab. Aus diesem Grunde sollte eine Wiesenmahd bei Auffinden von befallenen
Fruchtknoten ebenfalls strikt vermieden werden. |
Befallene Fruchtknoten sind sehr leicht zu erkennen.
Der "Schnabel", der sich aus bestäubten Storchschnabelblüten bildet, wächst nämlich bei unbefallenen
Fruchtknoten gestreckt und gerade. Durch das Einbohren und den einseitig beginnenden Fraß der
Jungraupe krümmt sich dagegen der "Schnabel" befallener Fruchtknoten wie eine Banane in Richtung
der Eindringstelle, zeigt quasi auf seinen Eindringling. Solange derart geformte Storchschnabelfruchtknoten
grün und saftig erscheinen, muss mit der Mahd zugewartet werden, da die Raupen zu dieser Zeit noch
in seinem Inneren fressen. Nach wenigen Wochen jedoch trocknen die Fruchtknoten, ohne Samen
entwickelt zu haben, ein. Ab jetzt kann die Wiese ohne Schädigung der eumedon-Population
bis zum Neuaustrieb der Pflanzen im nächsten Jahr gemäht werden. Nach meiner Beobachtungen dürfte
dies ab der ersten Augustwoche der Fall sein, zu einer Zeit, zu der auch die auf den Feuchtwiesen
meist ebenfalls anzutreffenden Orchideen-Arten ausgesamt haben und den Schnitt daher ebenfall
unbeschadet überstehen können. |
unbefallener, gerader Storchschnabel-Fruchststand
befallener und dadurch gekrümmter Storchschnabel-Fruchtstand |