Die Orchideen des Jahres  2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003 200220012000   

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Texte und Fotos: Helmut Presser

Die Orchidee des Jahres 2009

Das Mannsknabenkraut, Stattliches Knabenkraut Orchis mascula (L.) L.

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Merkmale: 15 - 30 (60) cm hoch, Blüten rotviolett; Lippe mit dunkleren Pünktchen auf hellerem Grund. Der Sporn ist nach oben gebogen. Die auffallenden, rosettig angeordneten Blätter sind in manchen Fällen deutlich gefleckt. Sie durchbrechen normalerweise Ende des Winters den Boden.

Im Gebiet kann das Mannsknabenkraut nur mit dem Kleinen Knabenkraut Orchis morio verwechselt werden, das man auf Magerrasen findet. Es ist aber niedriger und hat grün gestreifte, seitliche Sepalen in den weniger zahlreichen Blüten. Andere, rötlich blühende Knabenkräuter wachsen in Feuchtwiesen.

Variabilität: Die Art bildet zahlreiche, manchmal schwer zu unterscheidende Unterarten, v.a. in den Randgebieten ihres Verbreitungsareals. 

Der Landkreis Eichstätt liegt mitten in einer Zone, in der sich die beiden Unterarten subsp. speciosa (signifera) und die Nominatform mischen. Kennzeichen der subsp. speciosa sind eine dunkle, feine Strichelung am Stängel- und Blattgrund, sowie seitlich abstehende, oft verlängerte seitliche Sepalen, die nicht nach hinten verdreht sind (man sieht von vorne die Unterseiten). Die subsp. mascula hat außer den verdrehten Sepalen häufiger deutliche, große dunkle Flecken auf den Blättern. Im Gebiet kann man jegliche Merkmalsausprägung beobachten.

Selten treten Pflanzen mit hellrosa oder gar weißen Büten auf, im Landkreis EI wurden sie aber noch nicht gemeldet.

Blütezeit: im Gebiet M5 - E5 (A6)

Standorte: bis 2800 mNN

nicht zu trockene Magerrasen, gern im Schatten oder Halbschatten, an Waldrändern und in lichten Waldpartien

Die Art meidet bei uns sonnige Südlagen und ist im Magerrasen eher an Nordhängen oder an ebenen Stellen im Schatten von Wacholder oder Bäumen zu finden. Gern wächst es nahe an Tonschichten, an denen wenig Feuchtigkeit austritt, im Plattenkalk eigentlich immer im Bereich der Fäule. 

Im Wald steht es meist in auwaldähnlichen Biotopen, meist zwischen Eschen auf frischem Boden. An manchen Stellen findet man die Pflanzen zwischen Haselgebüsch in lichten Eichenbeständen.

Orchis mascula kann auch auf kalkfreiem Boden wachsen, wichtiger ist eine gewisse Wasserversorgung und ein gutes Lichtangebot im Frühling.

      O mas4 Mühlheim.jpg (945498 Byte) a)    O mas5 Schernf.jpg (632043 Byte) b)    O mas1 Kopie.jpg (296571 Byte) c)

a)  lichter Eichenwald an der westlichen Landkreisgrenze, b) nordwestorientierter Magerrasen bei Schernfeld, c) lichter, feuchter Eschenwald an der westlichen Landkreisgrenze

O mas3 OEI.jpg (527056 Byte) a)O mas9 SK.jpg (424489 Byte) b)O mas10 Ucka.jpg (410619 Byte) c)O mas8 Got.jpg (402990 Byte) d)

a) typische Blattfleckung ssp. mascula bei Obereichstätt (mit O. pallens), b) typische Blattstrichelung ssp. speciosa (Slowakei), c) typische Blüten der ssp speciosa (Ucka / HR), d) typische Blütenform der ssp. mascula (Gotland / S)

Verbreitung: im Westen von Nordafrika (und Kanaren) bis Skandinavien, im Osten von Weißrussland bis in die Türkei

Häufiger wird die Art in den Gebirgen bzw. im Norden des Gebiets in Meeresnähe.

Im Gebiet gab es vor gut. 20 Jahren noch zahlreiche Kleinpopulationen mit Schwerpunkt im Westen. Vor 10 - 15 Jahren wurden bei Kartierungsarbeiten nur mehr 15 Fundorte festgestellt. Hiervon existiert lediglich noch einer im Landkreis Eichstätt.

Südlich des Landkreises existiert noch eine stabile Population im Donau-Auwald östlich Neuburg, im Westen gibt es mehrere Populationen im Bereich um das Nördlinger Ries. Auch am Nordrand des Landkreises in Richtung Weißenburg gibt es noch eine stabile Population.

Bedrohung: Insgesamt ist die Art nicht bedroht, auch wenn in den letzten Jahrzehnten viele Fundorte erloschen sind und der Trend weiter anhält. In Deutschland ist das Mannsknabenkraut stellenweise sehr selten geworden oder fehlt inzwischen ganz. Im Landkreis Eichstätt dürfte es jetzt nur noch 2 kleinflächige Standorte im Westen an der Kreisgrenze geben, außerdem eine kleine, wohl sterbende Population bei Schernfeld. 

Bedroht ist die Art, wie andere Orchis-Arten auch, durch Fressfeinde (v.a. Wildschwein und Dachs), die die meisten Populationen im Landkreis vernichtet haben dürften. 

Des weiteren setzt ihr die abnehmende Niederschlagsmenge im Frühjahr zu, sodass blühende Pflanzen stellenweise vertrocknen. Dies war beispielsweise im Gebiet gelegentlich nach Biotoppflegemaßnahmen auf Magerrasen der Fall. Stellenweise hat auch eine Aufforstung mit Fichten stattgefunden, was einen Bestand ebenso nachhaltig vernichtet.

 O mas1 BayW.jpg (351221 Byte) O mas2 OEI.jpg (258911 Byte) O mas6 Schernf.jpg (334173 Byte) O mas7 Schernf.jpg (407567 Byte) 

Bild 1: starke Tendenz zur ssp. speciosa im Bayerischen Wald

Die übrigen 3 Bilder zeigen Pflanzen aus dem Landkreis EI (Schernfeld - Obereichstätt), die etwas stärker zur ssp. mascula tendieren.

 

Die Orchidee des Jahres 2008

Das Übersehene (Fingerwurz-) Knabenkraut Dactylorhiza praetermissa (DRUCE) SOÓ                               Zoom

Merkmale: (20) 25 - 50 (70) cm hoch, Laubblätter ungefleckt, schräg abstehend. Blüten hell- bis dunkelrosa-violett. Lippe wenig dreiteilig und zugespitzt mit einem Mittelkiel, Zeichnung gestrichelt, kaum längere Linien. Sporn lang, gleichmäßig verjüngt und m.o.w. waagrecht.

Variabilität: örtlich kommen Pflanzen mit ringförmigen Flecken auf den Blättern und gleichzeitigem Schleifenmuster auf der Lippe vor. Sie wurden als var. junialis beschrieben und werden auch als Unterart angesehen. Übergänge zwischen beiden Ausprägungen sind eher selten, stellenweise kommt auch junialis ohne die Nominatsippe vor.

Blütezeit: Je nach Standort und Gebiet    (E5) A6 - M7 (M8)

Standorte: Feuchtgebiete wie quellige Bereiche und Flachmoore, Dünensenken und Gewässerränder. Es reicht oft auch ein leicht, aber gleichmäßig feuchter Boden.

Das Übersehene Knabenkraut ist die einzige nachgewiesene Orchideenart der Insel Helgoland, wo es aber in großen Beständen vorkommt. Vermutlich wurde sie aber dort angesalbt.

    D prae1Kenfig8.8.02 Kopie.jpg (49319 Byte)          D prae2 Kopie.jpg (39080 Byte)            D prae3 Kopie.jpg (48455 Byte)      D prae4 Kopie.jpg (34622 Byte)                       Fotos:  Kenfig, GB, 8. 8. 2002
Verbreitung: Es handelt sich um eine atlantisch verbreitete Sippe (v.a. F, NL, B, GB), die nur im Westen Deutschlands Fundorte aufweist, besonders nach Norden zu. Meldungen aus Ost- und Mitteldeutschland dürften zu Hybridschwärmen (unter Beteiligung von D. incarnata und D. fuchsii) zu zählen sein, die hier und da gehäuft auftreten und sehr ähnliche Pflanzen aufweisen. Bedrohung: Im Wesentlichen durch Biotopzerstörung wie Düngung oder Drainage, aber auch Einstellung der extensiven Nutzung bei nährstoffreicheren Böden. Küstenbereiche mit Dünensenken werden zunehmend durch Tourismus geschädigt. D prae jun1 Kopie.jpg (48889 Byte)      D prae jun2 Kopie.jpg (28601 Byte)  D prae jun3 Kopie.jpg (79167 Byte) Fotos: Hamburg, 23. 5. 1999

 

 

Die Orchidee des Jahres 2007

Das Gewöhnliche Kohlröschen Nigritella rhellicani (TEPPNER & E. KLEIN) TEPPNER & E. KLEIN             ZOOM

Merkmale: nur 8 - 15 (25) cm hoch, Blüten schwarzrot (sehr selten in Einzelexemplaren rot oder gelblich) mit nach oben stehenden Lippen. Diese sind an der Basis weit offen. Blütenstand meist lang oval. An den Tragblättern ist mit einer Lupe meist ein Stiftchensaum zu erkennen. Blätter grasartig und größtenteils in einer Rosette angeordnet.

Ähnliche Sippen: Das Österreichische Kohlröschen Nigritella austriaca hat etwas hellere und größere Blüten, einen kurzen Blütenstand und glatte Tragblätter. Alle anderen Kohlröschen bilden farblich abweichende, einheitliche Populationen.

Bemerkungen: Nigritella rhellicani ist die am weitesten verbreitete Kohlröschen-Art: Man kann sie außer im Alpenbogen auch bis Griechenland (Falakron), Bulgarien, Slowakei (Karpatenbogen) und vermutlich auch im russischen Gebiet finden. Stellenweise ist sie sogar häufig. Ihre Blüten duften nach Vanille (leicht schokoladeähnlich).

Blütezeit: Je nach Jahr, Höhenlage und Exposition (Ende Juni) Mitte Juli bis Anfang (Ende) August 

Bestäubung: Noch wenig untersucht, hauptsächlich durch am Tag fliegende Nachtfalter (Eulen)

Die meisten anderen Kohlröschen sind apomiktisch, das heißt, sie bilden Samen ohne jegliche Bestäubung aus Zellen der Samenanlagen. Sie treten wegen gleichen Erbmaterials dann immer in absolut homogenen Populationen auf.

Standorte: Alle Nigritella-Arten sind Gebirgspflanzen und kommen nicht im Flachland vor. In relativ niederen Lagen (anthropogene Biotope) ab 900 m üNN aufwärts sind sie auf Beweidung angewiesen, über der Baumgrenze (sicherlich ihre ursprünglichen Biotope) sind die alpinen Rasen kurz und locker genug, dass die zierlichen Pflanzen genügend Licht bekommen. Sie stehen manchmal auch halbschattig oder an Nordhängen, häufiger (besonders in Hochlagen) aber vollsonnig.

      Nigritella rhellicani aus verschiedenen Gebieten: 

           N rhellicaniSeis.jpg (197833 Byte)     N rhellLivigno.jpg (116316 Byte)

             N rhellSeis.jpg (223561 Byte)     N rhellGrenoble.jpg (201965 Byte)

    Seiser Alm, Italien (links o. und u.), Livigno-Tal,        Italien (rechts o.), Grenoble, Frankreich (rechts unten)

Nigritella rhellicani wurde lange Zeit unter dem Namen Schwarzes Kohlröschen Nigritella nigra geführt. Da dieses Taxon aber aus Schweden beschrieben ist und dort nur apomiktische Pflanzen vorkommen, wurden die Mitteleuropäischen Pflanzen 1990 abgetrennt. Vor etwa 20 Jahren wurden die Forschungen in diesem Gebiet verstärkt und die Gattung Nigritella von 2 in inzwischen knapp 20 Taxa aufgesplittet. Weitere Neubeschreibungen sind jederzeit möglich, es gibt noch einige Populationen, die m.o.w. geringfügig in Blütezeit und / oder Farbe bzw. Blütenbau abweichen.  

 

Variationen: In manchen Gebieten kommen häufiger andersfarbige Exemplare vor, die in Deutschland äußerst selten und nur in Einzelexemplaren auftreten. Am bekanntesten ist die Seiser-Alm in den Dolomiten, wo man eine Vielzahl von Farbvariationen finden kann. Die Farbpalette reicht von weißlich über gelb und rot bis zum gewohnten Schwarzrot. Auch zweifarbige Blüten sind nicht selten. Selbst die Form der Blütenblätter variiert hier mehr als gewohnt.

            Seiser Alm: verschiedene Farbvarietäten:

             N rhell Seis1.jpg (301453 Byte)   N rhell Seis2.jpg (194414 Byte)

Inzwischen ist eine nomenklatorische Diskussion durch genetische Untersuchungen wieder aufgefrischt: Alle Nigritellen werden von manchen Autoren unter dem älteren Namen Gymnadenia zusammen mit den nahe verwandten Händelwurz-Arten vereinigt. Dies ist nicht neu, der sehr ähnliche Blütenbau und die relativ häufig auftretenden Bastarde zwischen beiden Gattungen wurden schon immer bemerkt und zu einer nomenklatorischen Zusammenlegung benutzt. Das Gewöhnliche Kohlröschen heißt bei manchen Autoren also Gymnadenia rhellicani.

Einer Zusammenlegung widersprechen aber einige Punkte: Alle Gymnadenien haben die Blütenlippe nach unten gedreht (alle Nigritellen-Lippen weisen nach oben), alle Gymnadenien haben einen langen Blütenstand (keine Nigritella-Art), fast alle Gymnadenien kommen auch im Flachland vor (keine Nigritella). Außerdem kommt die dunkle Farbe vieler Nigritellen bei keiner Gymnadenia vor. Keine Nigritella hat so breite Laubblätter wie die meisten Gymnadenien, keine Nigritella-Sippe hat einen so langen Sporn wie eine Gymnadenia.

Gefährdung: Beeinträchtigt wird das Schwarze Kohlröschen wie die meisten Alpenpflanzen durch Überweidung, durch Bergwanderer und v.a. durch den anhaltenden Flächenverbrauch.   N rhell Seis3.jpg (190426 Byte)   N rhell Seis4.jpg (108392 Byte)   N rhell Seis5.jpg (86542 Byte)

  N rhell Seis6.jpg (107258 Byte)   N rhell Seis7.jpg (146171 Byte)   

  N rhell Seis8.jpg (189542 Byte)   N rhell Seis9.jpg (217831 Byte)

 

Die Orchidee des Jahres 2006

Die Breitblättrige Stendelwurz (Sitter) Epipactis helleborine (L.) CRANTZ                                          ZOOM

Merkmale: (15) 20 - 50 (90) cm hoch, mit 3 - 10, meist flach ausgebreiteten Laubblättern. Blüten sehr variabel, im Hypochil (schüsselförmige Hinterlippe) normalerweise schwarzbraun, selten grün, hellbraun oder rot. Epichil (Vorderlippe)     breiter als lang.

Ähnliche Sippen: Die Übersehene Stendelwurz E. leptochila subsp. neglecta blüht 2 Wochen früher, hat kleinere Blätter und eine zierlichere, meist autogame Blüte mit  einem Epichil, das länger als breit ist. Die Spitzlippige Stendelwurz E. leptochila hat ebenfalls kleinere Blätter und öffnet im Gebiet ihre autogamen Blüten (ohne Klebdrüse) mit  den langen, spitzen Lippen kaum. Die Kurzblättrige Stendelwurz E. distans wurde bisher im Umkreis von 20 km um den   Landkreis noch nicht gefunden und fällt durch ihre sehr kurzen Laubblätter auf. Müllers Stendelwurz E. muelleri ist im Gebiet extrem selten und besitzt gelbliche, hängende Blüten  mit reduziertem Rostellum und ohne Klebdrüse. Sie blüht bereits Anfang Juli. Die Braunrote Stendelwurz E. atrorubens blüht ebenfalls Anfang Juli und hat ein meist helles Hypochil und  zerzauste statt glatte Höcker auf dem Epichil. Die Laubblätter sind meist wechselständig und unten rötlich überlaufen.   Die Violette Stendelwurz E. purpurata blüht erst in den letzten Junitagen oder im August   auf, besitzt ein hellbraunes Hypochil und kurze, violett überlaufene Laubblätter.

 

Blütezeit: Anfang Juli (wenige Pflanzen in warmen Buchenwäldern, möglicherweise teilweise beeinflusst von E. leptochila subsp. neglecta), normalerweise Mitte Juli bis Anfang August

Bestäubung: Die Blüten werden hauptsächlich von Wespen bestäubt (selten von Hummeln oder Schwebfliegen), die den Nektar in der Hinterlippe v.a. dann attraktiv finden, wenn dieser bei warmer Witterung zu gären beginnt. Dann kann man häufiger "volltrunkene" Wespen beobachten, die sogar von den Blüten fallen und teilweise zahlreiche Pollinien auf dem Kopf tragen.

 

Standorte: Meist halbschattig oder schattig an Waldwegen (über Lehm mit Kalk geschottert), im lichten Waldrandbereich auf nicht zu trockenen Böden. Selten stehen die Pflanzen sonnig, wo dann die Laubblätter kürzer und evtl. auch rinnig werden. Es werden auch Steinbrüche besiedelt, meist aber erst in einem relativ späten Sukzessionsstadium, wenn sich bereits eine dichte Pflanzendecke und Beschattung mit Bäumen gebildet hat. Gern steht die variable Pflanze bei uns in lichten und mageren, naturnahen Buchenwäldern an steilen Stellen, ebenso aber unterhalb von Felsen und in sehr humusreichem Boden, wo sie sehr mastig werden kann. In Donaunähe wächst sie im Auwald oder hinter Gebüsch auf kiesigem Boden. 

            E he.jpg (670804 Byte)     Biotop an der Donau

                E he1.jpg (182659 Byte)     Lichtform an der Donau

E he2.jpg (192205 Byte)      Sonnenform 

           E he3.jpg (206379 Byte)      Schattenform, klein

Variationen: Im Gebiet kommen sowohl sehr kräftige, großblütige Pflanzen mit mehr als 70 Blüten vor, als auch sehr zierliche, kleinblütige mit ca. 10 Blüten. Letztere findet man v.a. an Waldwegen über Lehm (Albüberdeckung), aber auch an Buschrändern auf steinigem Boden (Plattenkalk), wo sie erstaunlich spät blühen können. Man kann allerdings jegliche Übergangsform finden, wenn auch nicht unbedingt in ein und derselben Population.

An manchen Stellen scheinen sich Bastardschwärme mit der autogamen Übersehenen Stendelwurz E. leptochila subsp. neglecta zu bilden. Sie blühen früher, tragen etwas kleinere Laubblätter und die Klebdrüse (Viscidium) in der Blüte vertrocknet bald. Dann zerfallen die Pollinien  und die Pflanzen bestäuben sich selbst.

Wenige Standorte zeigen auffallend  kurzblättrige Pflanzen, ohne dass diese zwingend anderen Arten zugerechnet werde könnten (vgl. "Wer kennt Ähnliches im Epipactis helleborine - Aggregat?).

An der Donau (Großmehring) wurde eine    kleine Population mit Pflanzen gefunden, die im Austrieb m.o.w. violett überlaufene Blätter aufwiesen. Zur Blütezeit war diese Färbung verschwunden und auch im Jahr darauf zur Zeit des Austriebs nur schwach ausgebildet (s.rechts).

An einer Stelle (Landershofen) wurde eine chlorophyllfreie, also weiße Pflanze gefunden, die zumindest 3 Jahre hintereinander zur Blüte kam (s.rechts).

 

Gefährdung: An ihren Hauptwuchsorten, den Waldwegen wird die Breitblättrige Stendelwurz häufig durch Verbreiterung oder "Säuberung" der Wege bzw. durch Fahrzeuge und Holzlagerung vernichtet. Auch werden viele knospende Pflanzen durch Rehwild abgefressen, Nacktschnecken können ebenfalls Schäden anrichten. 

Im Allgemeinen ist die Sippe aber noch recht häufig und insgesamt auch in unserem trockenen Gebiet nicht gefährdet. Da es aber durchaus möglich ist, dass noch unerkannte, seltene Sippen in dem "Sammeltopf" Epipactis helleborine zu finden sind, muss man Biotope mit auffallenden Formen unbedingt schützen. Möglicherweise ist gerade diese Sippe mitten in einer Aufspaltung begriffen, also könnten sich im Augenblick neue Arten herausbilden. Wie schnell das vor sich geht, kann man nur vermuten. Aus zahlreichen anderen Gebieten sind zumindest sehr ähnliche Sippen bekannt, die inzwischen meist als eigene Art neu beschrieben wurden. Und dieser Vorgang dauert an.

E hell chlor.jpg (147594 Byte)                E hell vio.jpg (184281 Byte)

chlorophyllfreie Pflanze       violett überlaufene Pflanze

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Blütenstudien

Variationen im Landkreis Eichstätt

E hell Blüten.jpg (586545 Byte)

 

 

 

E he x neg.jpg (85733 Byte)

Bastard E.helleborine x E.leptochila subsp. neglecta?

Die Orchidee des Jahres 2005

Das Brandknabenkraut Orchis ustulata LINNÉ subsp. ustulata                                                     ZOOM

Merkmale: 10 bis 25 (30)cm hoch, zierlich, mit einer flach aufliegenden, hell bläulich grünen Blattrosette, die bereits im Herbst erscheint.

Die Knospen des dichten, stumpfen Blütenstands sind charakteristisch schwärzlich purpurn gefärbt, so dass die Pflanze wie angesengt aussieht (Name!). Die etwa 20 bis 50, leicht nach Honig duftenden, auffallend kleinen Blüten werden im Lauf der Anthese heller, der Helm wird bei vielen Exemplaren sogar grün. Die vierteilige, meist weiße, seltener in den Spitzen rötliche Lippe trägt rote Punkte, auch auf den Seitenlappen. Der kurze Sporn weist nach unten.

Variation: Sehr selten findet man Albinos ohne roten Farbstoff mit grünem Helm oder auch normal gefärbte Exemplare mit reinweißen, ungezeichneten Lippen. Auch kräfiger gefärbte Exemplare kommen gelegentlich vor.

Ähnliche Sippen: Auch das Purpurknabenkraut Orchis purpurea wirkt durch die dunklen Knospen wie angesengt, ist aber in allen Teilen deutlich größer.

Subsp. aestivalis, vgl. nächstes Kapitel!

 Blütezeit: (Anfang) Mitte Mai bis Anfang  Juni, auf hoch gelegenen Bergwiesen bis in den Juli

Besonderheiten: Im Gegensatz zur ssp. aestivalis wird die Frühjahrsform von einer Raupenfliege (Echinomyia magnicornis: GODFERY 1933, VÖTH 1984) bestäubt, der Fruchtansatz ist aber meist sehr gering.

Standorte: Trockene bis frische, kalkhaltige, besonders lückige Magerrasen, meist vollsonnig. Die Sippe findet man auf kiesigem Untergrund in Flussauen, in steinigen bis felsigen, beweideten Wacholder-Trockenrasen und frischen, ungedüngten Mähwiesen. Sie ist stark auf Pflege angewiesen und kommt auch in trockenen Gebieten an trockensten Südhängen zurecht. 

Im Landkreis Eichstätt trifft man das konkurrenzschwache Pflänzchen nur an wenigen warmen Stellen an (beweidete Südhänge, Brennen an der Donau), große Populationen sind selten. Frische Mähwiesenstandorte existieren bei uns nicht mehr, alle in Frage kommenden Biotope werden gedüngt. Ein kleiner Bestand wird nach Beweidungsaufgabe allerdings durch den Bund Naturschutz sporadisch gepflegt. 

Ein Verbreitungsschwerpunkt zeichnet sich zwischen Eichstätt und Kipfenberg ab, einige Populationen sind allerdings durch fehlende oder mangelhafte Beweidung bereits erloschen.

Gefährdung: Durch die hohen Biotop-Ansprüche verschwinden immer wieder Populationen von Orchis ustulata, inzwischen allerdings weniger durch landschaftliche Maßnahmen als durch Sukzession. Örtlich stellen auch Dachs und Schwarzwild ein wachsendes Problem dar.

In den nördlich angrenzenden Bundesländern ist das Brandknabenkraut bereits sehr selten, im nördlichen Drittel Deutschlands fehlt es inzwischen völlig. Bayern und Baden-Württemberg haben also eine große Verantwortung bezüglich der Erhaltung der Art.

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typischer Standort im mittleren Altmühltal

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besonderes kräftige Blütenstände der Frühjahrsform

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Sommerform Orchis ustulata subsp. aestivalis (KÜMPEL) KÜMPEL & MRKVICKA                                ZOOM

Merkmale: Die ssp. aestivalis ist durch die selben Merkmale wie die Nominatform gekennzeichnet, sie wird allerdings 20 bis 40 (60) cm hoch, schlank, mit längeren, schräg aufwärts stehenden, m.o.w. rosettig angeordneten Laubblättern, die erst zu Ende des Winters erscheinen (ob überall?).

Der Blütenstand ist lockerer und länger mit bis zu über 100, etwas größeren Blüten. Vor dem völligen Aufblühen ist er nicht stumpf sondern spitz, die Blütenhelme öffnen sich oft geringfügig mehr als bei der Frühjahrsform. Die Blüten duften schwach nach Zitrone statt nach Honig.

Variationen sind nicht bekannt.

 

Ähnliche Sippen: Auch das Purpurknabenkraut Orchis purpurea wirkt durch die dunklen Knospen wie angesengt, besitzt aber deutlich größere Blüten und Laubblätter.

Ssp. ustulata, vgl. Merkmale!

 

Blütezeit: Anfang bis Ende Juli (Anfang September), überschneidet sich kaum einmal mit der Nominatform. Möglicherweise existiert noch eine dritte Sippe, die etwa zusammen mit Spiranthes spiralis bis Oktober, sogar in den selben Biotopen blüht.

 

 

 

Standorte: Feuchte bis fast trockene, kalkhaltige Magerrasen, meist vollsonnig. Die Sippe ist hauptsächlich aus orchideenreichen, kiesigen Brennen der Flussauen bekannt, wo man sie (manchmal zusammen mit der Nominatform) in lückigem Gras an sonnigen bis zeitweise beschatteten, meist ebenen Stellen finden kann. Sehr selten trifft man sie auch in gepflegten Kalk-Flachmooren auf leicht feuchtem Boden an oder in steinigen Magerrasen an, wo sie gern süd- bis westexponiert steht. Auch ein Sekundär-Biotop, eine Wegböschung (Abgrabung) ist bekannt. In den Alpen wächst sie auf Bergwiesen und wird bis aus etwa 1400 mNN gemeldet.

Im Landkreis Eichstätt kommt die Sommerform gut abgegrenzt nur in einigen Brennen an der Donau vor, offenbar ohne die Frühlingsform. In anderen, gleich angrenzenden Brennen sind beide Unterarten vertreten und können sich in manchen Jahren  hinsichtlich der Blütezeit überschneiden, wobei dann offensichtlich selten auch Zwischenformen existieren.

Besonderheiten: Vielfach wird auf die spät blühende Sippe noch nicht geachtet, auch fallen die Pflanzen im höheren Gras (Sommer!) weniger auf. So sind allgemeine Aussagen bisher nur schwer zu treffen. Besonders in höheren Lagen scheint es aber örtlich zu  Blütezeit-Überschneidungen und eventuell zu Mischpopulationen zu kommen. Eine sichere Einordnung wäre dann kaum möglich.

Bestäubt wird die Sommerform des Brandknabenkrauts im Gegensatz zur Frühjahrsform nach hauptsächlich  durch einen Bockkäfer (Leptura levida) und verschiedene Hummel-Arten. Der Fruchtansatz ist relativ hoch.

 Gefährdung: Die ssp. aestivalis ist sicherlich überall wesentlich seltener als die Frühjahrsform, sie kann offenbar weniger Trockenheit ertragen und stellt so noch spezifischere Ansprüche an ihre Biotope. Hierdurch reagiert sie natürlich weitaus empfindlicher auf Biotopverlust oder Fressfeinde. Sie ist also wohl überall als stark gefährdet einzuordnen.

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sporadisch gepflegte, überwiegend trockene Brenne im Bereich Neuburg mit der Nominatform, der Subspezies aestivalis, Hummelragwurz, Spitzorchis, Helmknabenkraut, Weißer Waldhyazinthe und Mückenhändelwurz

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regelmäßig gepflegte Brenne mit frischerem Boden, hier nur die Sommerform und die Spitzorchis, früher im Jahr auch Helmknabenkraut

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Die Orchidee des Jahres 2004

Die Grüne Hohlzunge Coeloglossum viride (L.) Hartman                                                                        Zoom

Beschreibung: meist 5 - 20 cm hoch, relativ lockerblütig, Blütenhelm grün, manchmal braun überlaufen, die zungenförmig herabhängende Lippe (Name!) ist gelb, grün oder braunrot, etwas fleischige, teils stängelbegleitende Laubblätter.

Blütezeit: Mai (-Juni), in Hochlagen auch noch später.

Die Hohlzunge ist nahe mit der Gattung Fingerwurz-Knabenkräuter Dactylorhiza verwandt, bietet aber im Gegensatz zu diesen Nektar an.

Standort-Bedingungen: Sie ist sehr konkurrenzschwach und ist also auf magere, lichte bis sonnige, Standorte angewiesen, die regelmäßig gepflegt oder beweidet werden. Dichter bewachsene, warme und zu trockene Biotope meidet sie strikt.

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Waldstandort in der Oberpfalz mit Fichten-Aufpflanzung

Die empfindliche Pflanze ist durch Nutzungsänderung, Nährstoffeintrag und Klimaerwärmung in den letzten Jahrzehnten in Deutschland deutlich zurück gegangen und steht in vielen Gebieten kurz vor der Ausrottung. 

Verbreitung: Im Landkreis Eichstätt wurde die gut zu erkennende aber unauffällige Art noch nie gefunden, obwohl passende Biotope vorhanden wären. Vermutlich fehlen hier die Niederschläge. Die nächsten Fundorte sind etwa 100 km entfernt. Ein Neufund in unserem Gebiet wäre zwar unwahrscheinlich aber nicht unmöglich.

Nördlich unseres Gebietes ist sie inzwischen durch Biotopverlust sehr selten. Sie gedeiht hier in mageren Wiesen in Waldrandnähe sowie halb schattig in kleinen Lichtungen im Buchenmischwald, z.B. in der Oberpfalz. Gern wächst sie über Muschelkalk, sie kommt jedoch auch mit kalkfreien, m.o.w. basenreichen Böden zurecht. In höheren Lagen der Mittelgebirge kann man sie eher auffinden. Im Süden fehlt sie bis an den Alpenrand. Häufiger ist sie nur in den Bergwiesen der Alpen.

Des weiteren ist sie zirkumpolar im eurosibirischen und nordamerikanischen Raum verbreitet. Im Norden kommt sie häufiger in Meeresnähe vor (z.B. Irland, Norwegen).

Coel1.jpg (77821 Byte) Vercors / F

   Coel2.jpg (72464 Byte) NW - Irland

     Coel3.jpg (81932 Byte) Apennin / I

 

 

Die Orchidee des Jahres 2003

Die Fliegenragwurz Ophrys insectifera L.                                                                            

 

Beschreibung: 10 - 25 (50) cm hoch, Blütenlippe ca. 1 cm lang. Die in einer Rosette wachsenden Blätter erscheinen schon im Herbst und vergehen je nach Trockenheit etwa im Juni / Juli. 

Blütezeit: Die ersten Blüten öffnen sich an warmen Standorten Anfang Mai, an kühlen oft erst Anfang Juni, die Pflanze blüht 2 -3 Wochen lang.

Standorte: Die relativ seltene Art braucht kalkhaltigen Untergrund und siedelt im Landkreis Eichstätt ausschließlich in magerem, steinigem, meist leicht bemoostem Boden. Bei uns stehen die meisten Pflanzen nicht wie in anderen Gebieten vollsonnig in beweideten Magerrasen (nur 3 Stellen im Landkreis bekannt), sondern halbschattig bis schattig hinter, manchmal unter Nadelbäumen, bevorzugt in alten Steinbrüchen (knapp 30 Standorte).

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Blattrosetten im Winter an freigepflegter Stelle in altem Steinbruch

 

Wenige, schwach besetzte Wuchsorte liegen im Schatten von Buchen an Stellen, wo der Wind das Laub regelmäßig weg weht. Der Talgrund und die Alb-Überdeckung werden nicht besiedelt. Im gesamten östlichen Landkreis fehlen interessanterweise bisher neuere Nachweise.

Auch an der Donau scheint sie in unserem Bereich inzwischen zu fehlen. Früh austreibende, offen stehende Pflanzen erfrieren im Gebiet in manchen Jahren bei leichten Spätfrösten. Häufiger noch vertrocknen sie in Dürrejahren, oft schon während der Blüte, treiben im Folgejahr allerdings meist wieder aus. Es sind derzeit etwa 280 Ragwurz-Arten bekannt, fast alle sind im Mittelmeer-Gebiet heimisch. In Deutschland wachsen 6 Arten, im Landkreis Eichstätt 4, davon ist eine seit etwa 15 Jahren ausgestorben (Spinnenragwurz Ophrys sphegodes), eine weitere ist vermutlich ebenfalls schon verschwunden (vor 5 Jahren wurden noch 4 Exemplare der Hummelragwurz Ophrys holoserica an der Donau gesehen). Die letzte, noch nicht genannte Art, die Bienenragwurz Ophrys apifera scheint sich durch die Klimaerwärmung derzeit überall auszubreiten und wurde inzwischen auch bei uns in 7 Biotopen gefunden.

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Besonderheiten: Alle Ragwurz-Arten ahmen optisch Insekten nach, die Fliegenragwurz das Weibchen einer Grabwespe (Gattung Argogorytes). Der meist bläuliche, glänzende Fleck scheint auszureichen, dass die Männchen der Grabwespe ihn für die häutigen Flügel von Weibchen halten. Darüber hinaus sind Ragwurz-Lippen immer mit unzähligen Härchen besetzt, bei der Fliegenragwurz sind sie sehr kurz, die Lippe ist eher samtig.

 

Das Raffinierteste ist aber, dass unbestäubte Ragwurz-Blüten exakt den Sexuallockstoff ihrer "tierischen Vorlage" ausströmen. So bringen sie die Insektenmännchen zu Kopulationsversuchen, wobei Pollenpakete an das Insekt geklebt werden bzw. mitgebrachte Pollinien in die klebrige Narbe gedrückt werden.

Näheres unter dem Beitrag "Beispiele zur Ophrys-Bestäubung"

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Nach vollzogener Bestäubung und Befruchtung der Blüte ändert sich der für Menschen kaum wahrnehmbare Duft und signalisiert den Insektenmännchen "Bin schon befruchtet!"

Die Männchen werden so an unbefruchtete Blüten "verwiesen" (nach Prof. H. PAULUS 2000 mdl.). Im Landkreis kommen sowohl Pflanzen mit recht lebhaft gefärbten Lippen als auch sehr einfach gefärbte Exemplare vor.

An einer Stelle wurden zwei Pflanzen mit hellbraunen Lippen (Tendenz zu Albino) gefunden. Reine Albinos mit grüner Lippe sind hier bisher nicht bekannt. Im Allgemeinen ist die Art für eine allogame Ophrys (fremdbestäubte Ragwurz) recht gut bestäubt (ca. 10 bis 90 %). Überleben kann die Fliegenragwurz nur, wenn auch ihr Bestäuber überlebt, wenn also magere, offene Standorte im derzeitigen Zustand erhalten bleiben. Aus diesem Grund müssen unsere Magerrasen erhalten bleiben und dürfen alte Steinbrüche nicht verfüllt werden oder völlig zuwachsen. Ebenso schädlich wäre ein Aufwuchs an Laubbäumen an den Standorten, da das Falllaub die Orchideenrosetten zudeckt und zum Absterben bringt.

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Die Orchidee des Jahres 2002: 

Die Nestwurz, (Vogel-) Nestwurz Neottia nidus avis (L.) L. C. RICHARD                            ZOOM

Etymologie :
Der Name rührt von der Form des verflochtenen Wurzelstocks her.

Merkmale :
15-20 (30) cm hoch, bräunlich, fast ohne Chlorophyll und ohne Laubblätter; unverwechselbar.

Blütezeit:
Anfang Mai - Ende Juni (Mitte Juli), im Gebiet meist Mitte Mai - Mitte Juni

                                       Ne nid1.jpg (63348 Byte) Blüten mit Trockenschäden
 

Standort:
bis 1800 m
Die kräftige Waldorchidee bevorzugt Kalk-Buchenwälder mit wasserdurchlässigem Untergrund. Sie kommt jedoch auch häufiger in anderen naturnahen, humusreichen oder lehmigen Laub-, Misch- und Nadelwäldern vor. Sie meidet feuchte Böden, gedeiht allerdings gelegentlich auch auf neutralem oder oberflächlich versauertem Substrat. Die Standorte können dunkel bis sehr licht sein. An Waldrändern kann sie manchmal auch länger besonnt stehen.

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var. pallida                                                var. sulphurea
Verbreitung:                                                                      Die durch ihre widerstandsfähigen Fruchtstände leicht zu kartierende Art ist in Deutschland noch weit verbreitet und häufig. Lediglich im nördlichen Viertel und in Ostbayern ist das Verbreitungsgebiet sehr lückig, was vermutlich auf Kalkmangel und ausgeräumte Landschaften zurückzuführen ist.
Im Landkreis Eichstätt ist sie nach dem Bleichen Waldvögelein Cephalanthera damasonium die zweithäufigste Art und vor allem in der Nähe der Talhänge bzw. im Hang zu finden. Selten wird sie auf der Albüberdeckung (dichter Lehmboden) und in Donaunähe.

 

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var. pallida

Besonderheiten:
Im Landkreis Eichstätt kann man sehr selten auf Farbvarianten der sonst sehr homogenen Art treffen: Bei Gammersfeld kommen im Durchschnitt alle zwei Jahre ein, bisher höchstens zwei Exemplare der weißen Varietät var. pallida zur Blüte, vertrocknen aber regelmäßig. Bei Mörnsheim existiert eine kleine Population mit gelben Pflanzen (var. sulphurea), normalerweise ca. 30
Individuen. Interessanterweise blühten dort 2001 nur blass gelbe Pflanzen. Alle Varianten wachsen in größeren Populationen von normal gefärbten Exemplaren, meist direkt daneben.
Wie alle anderen Orchideen genießt auch die Nestwurz absoluten Schutz, was bei uns allerdings nicht nötig wäre. Alle unsere Orchideen benutzen zur Keimung ganz spezielle Pilzmyzelien, einige, wie die Nestwurz, sind lebenslang von einer Ernährung durch den Pilz abhängig. Sie bleiben teilweise über Jahre aus, können aber in manchen Jahren sehr zahlreich erscheinen.
Die Nestwurz-Blüten duften leicht nach Honig und werden von verschiedenen Insekten wie z.B. Ameisen und Fliegen besucht. Unbefruchtete Blüten bestäuben sich selbst, sodass der Fruchtansatz sehr hoch ist (bei etwa 1000 - 2000 Samen pro Blüte!).

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var. sulphurea                                                             sulphurea / pallida

 

Die Orchidee des Jahres 2001

Herbst-Wendelorchis Spiranthes spiralis (L.) Chevallier

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 Aussehen: Die Herbst-Wendelorchis (Spiranthes spiralis), auch Herbst-Drehähre oder Schraubenstendel genannt, ist eine kleinwüchsige und eher unscheinbare Pflanze. Die einzelnen Pflanzen werden nur circa 10 - 15 cm hoch, häufig sind sie sogar noch kleiner. Die Blütezeit beginnt je nach Feuchtigkeit ab etwa Mitte August, vereinzelt noch etwas früher, und dauert  in trockenen Jahren bis Anfang Oktober. Die weißen, innen oft grünlich schimmernden Blüten stehen in dichter Ähre um den drüsig behaarten und in der Regel spiralig gedrehten Stängel.  Die Einzelblüten sind kaum größer als 7 - 8 mm.

 

Befruchtung: Die süß nach Vanille oder Cumarin duftenden Blüten locken vor allem verschiedene Hummel- und Bienenarten an. Beim Eindringen in die Blüte bleiben die Pollenpakete am Insekt haften. Ein weiteres Eindringen ist jedoch zunächst unmöglich. Erst nach einigen Tagen wird die Narbe für die Befruchtung frei, ein pollentragendes Insekt kann die Befruchtung vollziehen. Dadurch ist eine Selbstbefruchtung innerhalb der Art ausgeschlossen. Nach kaum einem Monat erfolgt die Samenreife. Die staubfeinen Samen werden durch Niederschläge in den Boden eingewaschen, wo sie bis zur blühfähigen Pflanze eine mindestens vierjährige, von einem Symbiosepilz abhängige Entwicklungszeit durchlaufen.
Etwa gleichzeitig mit dem Blütenstand entsteht an der Stängelbasis eine kleine Blattrosette, die über den Winter bis zum Frühsommer Nährstoffe in eine rübenförmige Knolle für die nächste Blüte einlagert. Dabei kann es unter günstigen Wachstumsbedingungen auch zur vegetativen Vermehrung unter Ausbildung mehrerer Wurzelrüben kommen.

 

 

Vorkommen: Die Herbst-Wendelorchis bevorzugt extensiv beweidete Standorte. Daher gedeiht sie vor allem auf halb- oder wechseltrockenen Schaftriften und Magerrasen, seltener auf feuchten Mähwiesen. Lehmige und lehmig-sandige Böden, aber auch torfige Böden sind bevorzugte Standorte der Orchidee des Jahres 2001. Die Art gilt als Schatten meidend und Salz unverträglich. Die Herbst-Drehähre kommt, vom Mittelmeer ausgehend, entsprechende Wuchsplätze vorausgesetzt, in ganz Europa vor. Dabei bevorzugt sie das gemäßigte Klima ohne allzu trockene, kontinentale Winter. In Deutschland ist sie vor allem in den südlichen und mittleren Landesteilen anzutreffen. In der Umgebung von Eichstätt kommt sie noch stellenweise in beweideten Wacholderheiden vor, vorzugsweise in flachen Bereichen, bzw. fast nur süd- bis westorientiert.

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Gefährdung: Bereits im 19. Jahrhundert musste das zierliche Pflänzchen durch den Rückgang der Schafhaltung starke Standortverluste hinnehmen. Auch die Intensivierung der Landnutzung im 20. Jahrhundert bedingte einen weiteren Rückgang der Artenzahl. Die Umwandlung der Standorte in Intensivweiden oder Ackerland entzog der konkurrenzschwachen Pflanze in kürzester Zeit Licht, Nahrung und Standraum. Derzeit ist die Herbst-Wendelorchis nur in der Roten Liste Bayerns als "gefährdet" eingestuft, in allen anderen Bundesländern wird sie, soweit sie dort überhaupt vorhanden ist,  als "vom Aussterben bedroht" oder "stark gefährdet" geführt. Daher ist es sehr wichtig, die wenigen verbliebenen Wuchsplätze der Orchidee vor schädlichen Einflüssen zu bewahren.

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Im Landkreis Eichstätt sind ebenfalls bereits die Mehrzahl der Wuchsorte zerstört oder zumindest schwer geschädigt. Die Ursachen hierfür sind eine Umwandlung von Schafweide in Ackerland (z. B. große Bereiche um Pfahldorf und Schelldorf), eine ausbleibende, extensive Nutzung nach Aufgabe der Beweidung (Bereiche um Gelbelsee, Arnsberg, Pfahldorf, Großmehring und Ensfeld beispielsweise), durch Wegebau und Ablagerungen (z. B. Pfünz) bzw. sogar durch Pflegemaßnahmen und Befahren der Magerrasen (z. B. Landershofen). Auch der Dachs dezimiert in unregelmäßigen Abständen größere Bestände; in und nach Dürrejahren (im Frühling) kommen deutlich weniger Pflanzen zur Blüte, zum Teil sterben sie dann sogar ab. Im extrem niederschlagsarmen Jahr 2003 blieb die Blüte völlig aus.
Derzeit sind im Landkreis Eichstätt noch 19 Standorte bekannt (mit 2 bis 500 Individuen), der Gesamtbestand dürfte sich auf etwas mehr als 1000 blühfähige Einzelpflanzen belaufen. Grob geschätzt dürfte der Rückgang in den letzten 50 Jahren etwa 90 bis 95 % betragen, was in unserem, doch schafeichen Landkreis äußerst bedenklich ist, besonders wenn man den, verglichen mit heute, schlechten Kartierungsstand vor 50 Jahren bedenkt. Eine drastische Mittelkürzung im Bereich Naturschutz (aktuell von der bayerischen Regierung geplant) brächte die meisten Schafhalter an den Rand des Ruins, was ein weiteres Zurückgehen bzw. großflächiges Aussterben der Herbst-Wendelorchis in Bayern innerhalb weniger Jahre zur Folge hätte.

 

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Herbst-Wendelorchis-Biotop: beweideter Magerrasen

 

Die Orchidee des Jahres 2000

Rotes Waldvögelein Cephalanthera rubra (L.) L. C. Richard


                                                                                                      

 Wichtigste Kennzeichen:

20-50 cm hoch, 2-10 daumennagelgroße, meist dunkelrosa gefärbte Blüten. Die spitze Blütenlippe ist innen weißlich und trägt ca. 7 gelbliche Längsleisten. Die Laubblätter sind lang und schmal, meistens flach ausgebreitet und dunkelgrün.

  • Blütezeit: Mitte Juni bis Ende Juli, je nach Standort

C rub2.jpg (356196 Byte) landkreistypischer Standort bei Buchenhüll

  • Standort:

trockene, lichte Buchenwälder, dort gerne in der Nähe von einzelnen Kiefern, hauptsächlich an Waldwegen.  Die Pflanze bevorzugt kalkreichen, bis neutralen, oft oberflächlich versauerten, laubarmen Untergrund und kommt u.a. an warmen Hängen reichlicher zur Blüte. Wird der Standort zu schattig, überdauert sie noch einige Jahre in blütenlosem Zustand (steril). Bei forstlichen Maßnahmen (Baumentnahme), Wind oder Schneebruch, kann sie dann innerhalb eines Jahres wieder blühen. Im Gegensatz zu anderen Gegenden ist das Rote Waldvögelein bei uns nur selten im Steppenheide-Kiefernwald zu finden. Sekundärbiotope wie z.B. Straßenränder besiedelt es hier nur auf "gewachsenem" Boden, also Böschungen oberhalb der Straße. Die orchideenreichen Steinbrüche im Landkreis meidet es interessanterweise.

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Bestäubung:

Das Rote Waldvögelein ist eine "Nektartäuschblume", d.h., sie bietet trotz optischer Reize keinen Nektar. Es wird vermutet, dass hauptsächlich Wildbienen, Bestäuber der Pfirsichblättrigen Glockenblume (Campanula persicifolia) oder Verwandter (die oft im selben Biotop wachsen) das Rote Waldvögelein irrtümlich anfliegen. Eventuell werden die Blüten auch als Schlafstätte benutzt und dadurch bestäubt. Da dies selten geschieht, entwickeln sich nur wenige Samenkapseln, die dann allerdings 1000e Samen entlassen.

 

Schutz

Gefährdet ist bei uns die attraktive Art nur örtlich - Bestände mit über 100 Individuen sind noch hier und da vorhanden. Bei Unkenntnis des gesetzlichen Schutzes (Pflück- und Ausgrabungsverbot) wandern sicher einige Pflanzen in Blumenvasen oder in Gärten, wo sie mit Sicherheit nicht anwachsen (Pilzsymbiose im Boden. Häufiger werden sie bei der Straßenrandpflege abgemäht, an Waldwegen mit Unrat oder Holz zugedeckt, von Jungwuchs oder Kräutern überwuchert, von Rehwild verbissen. Endgültig verloren ist ein Standort einige Zeit nach dem Zuwachsen mit Fichten. Man sollte sich im Klaren darüber sein, dass auch die Waldorchideen ständig abnehmen; neue Standorte entstehen praktisch nicht, alte werden schlechter oder verschwinden.

 

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Verwandtschaft:

Das Bleiche Waldvögelein (C. damasonium) hat gelblich weiße Blüten und kurze, spitzovale Blätter. Es ist noch deutlich häufiger und blüht im Mai.

Das Schwertblättrige Waldvögelein (C. longifolia) hat rein weiße Blüten und lange, hellgrüne Blätter. Es ist sehr selten (wohl unter 200 Pflanzen im Landkreis) und blüht noch vor dem Bleichen Waldvögelein auf.

Beide Arten können zusammen mit dem roten Waldvögelein vorkommen, sind aber im Juni meist verblüht. Sehr selten bildet das Rote Waldvögelein auch Albinos mit weißen Blüten aus (Bild rechts) oder gar chlorophyllfreie Pflanzen mit weißen bzw. gelben Blättern und Stängeln (je 1x im Landkreis gesehen).

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